Politik : Sieg im Sinn

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Nichts ist entschieden – außer den Kandidaten. Die wissen, was werden soll. Die Wähler nicht. 50 Prozent warten ab, sagen Umfragen, und die neuesten Zahlen belegen: Jetzt geht’s los. Gerhard Schröder steigt in der Beliebtheit, Angela Merkel sinkt, und mit ihr die Union. Es ist nicht so, dass allein Personen gewählt werden in Deutschland; immer noch wird zuerst die Partei gewählt. Aber die Spitzenperson gibt den Ausschlag in der Frage an den Wähler, wer regieren soll. Und so sieht es aus nach dieser turbulenten Woche: Noch regiert Schröder. Und Merkel regiert noch nicht.

Banal? Nein, das zeigt die Qual. Hätte Schröder mal so angefangen, wie er in dieser Legislaturperiode aufhört; hätte er mal so angefangen, sich selbst zu erklären wie vor einer Woche bei „Christiansen“ – dann wüssten die BürgerWähler erstens besser, woran sie sind, und zweitens vielleicht, warum dieser Mann die Macht behalten will. Seine situative Gabe, schwierige politische Zusammenhänge so zusammenzufassen, dass sie verständlich werden, ohne dabei zu spalten, hat in diesen Wochen beinahe Rau’sches Format. Und Johannes Rau nannte man den „Menschenfänger“. Was Schröder 1998 versäumte, 2002 wieder, Zusammenhänge aufzuzeigen und strategische Lösungskompetenz zu beweisen, kann er nun nicht ungeschehen machen. Aber er kann nachholen, aufholen. Was auch das Mindeste ist, das er für die Sozialdemokratie nach sieben harten Jahren noch tun kann.

Zu Merkel. Sie hat längst analysiert, was im Kanzler-Amt zu tun sei, hat sich positioniert – aber ist sie die, die über die eher mechanistische Erkenntnis hinaus führt? Was Schröder vermissen lässt, hat die wirtschaftsliberale Merkel ebenso wenig im Angebot: die Sinnstiftung. Auch für sie gilt die Frage, wofür sie denn die Macht haben will. Ist sie, um einen Begriff der „Zeit“ aus der Zeit vor Schröder zu zitieren, „Kanzlermaterial“? Diese Frage stellen sich die Deutschen derzeit, und Merkel hat Schwierigkeiten, eine Mehrheit zu überzeugen. Ja, auch in ihrer Partei. Einmal, weil die Union von ihrer Geschichte und Gesinnung den gesellschaftlichen Führungsanspruch durch das Pathos eines nicht ökonomischen Entwurfs grundiert sehen will. Und den Entwurf hören möchte. Zum zweiten, weil Merkel, die Pragmatismus zur Staatsräson erhebt, einen handwerklichen Fehler nach dem anderen liefert. Brutto und netto kann man als Kanzlerin im Konjunktiv einmal verwechseln, nicht zweimal. Kein Mal aber darf man Wortlaut fälschen, das allzumal, wenn das Grundmotiv des Wahlkampf doch ist: Wir sind seriös, wir sagen die Wahrheit, wir können rechnen.

Und jetzt kommt zu alledem die Debatte um die Frage, was unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält. Eine Frage, deren Antwort weit, weit über den Fall Brieskow-Finkenheerd hinausreichen muss. Was hier zu Tage tritt, ist ein Manko der Politik im Allgemeinen und Merkels im Besonderen: der Mangel an „Sich-eins-Fühlen“. Die Übereinstimmung zwischen ihrem Handeln und ihrer Herkunft ist nicht mehr zu entdecken; nicht für die Menschen, mit denen sie einst gemeinsam eine Gesellschaft gebildet hat, nicht für die, die sie jetzt vom Umbau der Gesellschaft überzeugen will. Aber es ist so, und das war die Stärke dessen, dem sie nachfolgen will, Helmut Kohls Stärke: Erst das Bewusstsein unserer Herkunft und ihrer Prägungen ermöglicht uns ein reflektiertes Leben in der Gegenwart und aus diesem heraus die Projektion des gewünschten Zukünftigen. Das Bewusstsein – und das Bewusstmachen. Daher der verletzte Aufschrei in Ostdeutschland.

Bewusst gemacht hat der Fall Brieskow, dass Deutschland dringend gut, besser regiert werden muss. Dass noch mehr zu tun ist: gegen Arbeitslosigkeit, die eine Gesellschaft im Inneren verwahrlosen lässt, für Bildung, die den Menschen erst befähigt, in Zusammenhängen zu denken. Und für die Zukunft soziale Zusammenhänge zu schaffen.

Noch regiert Schröder.

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