Politik : Siegt euch nicht zu Tode

Von Friedhard Teuffel

-

Man will das Ergebnis lieber nicht wissen, wenn man Spitzensportler fragte: Wäret ihr für einen Olympiasieg bereit, mit vierzig Jahren zu sterben? Floyd Landis hat auf jeden Fall in Kauf genommen, vor der Welt als Betrüger zu gelten und viele Prämien zurückzuzahlen, als er vor der entscheidenden Bergetappe der Tour de France offenbar ein Dopingmittel zu sich nahm. Von möglichen gesundheitlichen Spätfolgen einmal abgesehen. Der Siegespreis im Sport ist inzwischen so verlockend hoch, dass die Risikobereitschaft fast ins Unvorstellbare gestiegen ist. Auch das Risiko, erwischt zu werden. Und heißt es nicht ohnehin nach einer außergewöhnlichen Leistung, der Athlet habe sich unsterblich gemacht?

Die Tour de France kam bereits mit Doping als Geburtsfehler auf die Welt, und der Betrug war über die Jahre der vielleicht treueste Begleiter des Radsports. Daran haben selbst Todesfälle nichts ändern können. Aber erst in diesem Jahr wird es kritisch, weil die Geschäftsgrundlage auf dem Spiel steht. Auf einmal sind so viele prominente Fahrer wie der Toursieger Landis entweder überführt worden oder handfest verdächtig, dass das Schauspiel bald mangels Darstellern gar nicht mehr aufgeführt werden kann. Das Publikum wendet sich enttäuscht ab, Sponsoren und Fernsehsender überdenken ihr Engagement, Politiker wollen Doping nun mit staatlichen Mitteln bekämpfen.

Es ist ein gutes Zeichen, dass eine Freigabe des Dopings dabei nicht ernsthaft diskutiert wird. Die Spitzenathleten, gleich ob im Radsport, beim Schwimmen oder in der Leichtathletik, mögen dem Freizeitsportler entrückt sein, ihre Leistung erscheint als übermenschlich. Aber der Antrieb ist ähnlich: sich selbst zu übertreffen – und vielleicht alle anderen ebenso. Es verwundert daher nicht, dass Dopingfälle mittlerweile sogar bei Jugend- und Seniorenwettkämpfen vorkommen. Am Sonntag starten in Hamburg mehr als 20 000 Hobbyradfahrer bei einem Jedermannrennen. Wie viele würden beim Dopingtest auffallen?

Spitzensportler sind allenfalls Vorbilder im Überwinden des inneren Schweinehunds. Das eigentliche Vorbild ist der Sport an sich. Es geht daher jetzt nicht um Floyd Landis oder Jan Ullrich, nicht um Ben Johnson oder sonst irgendwen, sondern um die Verteidigung des Sports als Verhaltensmodell. Er lebt von der Anerkennung des Gegners und der Regeln. Weil der Sport so tief in die Gesellschaft hineinragt, hat Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, schon einen Zusammenhang zwischen dopenden Spitzensportlern und Jugendlichen hergestellt, die auf Partys Ecstasy-Pillen nehmen.

Auf wen kann der Sport nun als Unterstützer hoffen? Die Sponsoren haben sich nicht als verlässlich herausgestellt, sie wollen kein Geld für einen sauberen Sport ausgeben, sondern nur vom Werbewert der Stars profitieren. Ein Zurück zum Amateursport gibt es sowieso nicht, zumal gerade Geld ein – durchaus legitimer – Anreiz für einen Athleten ist, sein Talent durch viel Training in Siege einzulösen.

Das Publikum hat sich ebenfalls nicht als Korrektiv empfohlen. Es will sich mitreißen lassen von unglaublichen Leistungen. Nun verkehrt sich die kindliche Begeisterung in eine ebenso kindlich wirkende Wut. Von lebenslangen Sperren ist die Rede, gar von Gefängnis. Hier spricht die enttäuschte Zuneigung – ein lebenslanges Berufsverbot, nur weil sich jemand ein Testosteron-Pflaster aufgeklebt hat?

Der Sportler ist zwar Täter, aber manchmal genauso verführt worden wie der Fernsehzuschauer. Kriminell sind vor allem die Verführer, also die Trainer und Ärzte hinter dem Dopingfall. Um sie und die Dopingschmuggler zu bestrafen, muss der Staat sich noch viel mehr in den Sport einmischen als bisher. Sportverbände und Regierungen werden sich deshalb gemeinsam in arbeitsteiliger Allianz um Dopingforschung, Dopingkontrollen und die Verfolgung der Hintermänner kümmern. Die Sportfunktionäre haben die Augen vor dem Doping zu lange verschlossen und die Politik ihre Sportförderung nur an Medaillen gebunden. Doch es zählt noch mehr im Sport. Am wichtigsten ist immer noch die Fairness.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben