Sigmar Gabriel hat einen Plan : Der Dampfmacher

Sigmar Gabriel hat einen Plan. Als Wirtschaftsminister wie als SPD-Chef. Das Stichwort lautet: Qualität des Lebens. Die Idee hat er schon lange, jetzt auch das Amt. Das bekommen alle zu spüren. Und die Kanzlerin? Die lässt ihn gewähren. Es scheint ihr sogar zu gefallen. Bis auf Weiteres.

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Da schau her. Die Kanzlerin hatte ihren Spaß mir Sigmar Gabriel bei der Kabinettsklausur in Meseberg. Der SPD-Chef macht den Betrieb, den sie gerne hat, aber nicht selbst machen will. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Da schau her. Die Kanzlerin hatte ihren Spaß mir Sigmar Gabriel bei der Kabinettsklausur in Meseberg. Der SPD-Chef macht den...Foto: dpa

Wie er sich da in den Stuhl plumpsen lässt! Nicht, dass das Lärm macht, aber auffällig ist das durchaus. Und dann gluckst er auch noch, so dass Angela Merkel ihn von der Seite anschaut. Gute Laune – wenn das mal nicht verdächtig ist. Angela Merkel, die Kanzlerin, mag Gabriel und traut ihm viel zu; aber eben auch fast alles, und das ist vor dem Hintergrund dessen, was ihre Anhänger die gesunde Skepsis der Naturwissenschaftler nennen und ihre Gegner schlicht übertriebenes Misstrauen, sehr viel. Beides bildet nämlich zusammengenommen Fliehkräfte, die bisweilen an der Kanzlerin zerren: ihr Vertrauen in seine Fähigkeiten einerseits, ihr Misstrauen gegenüber seinen Eigenschaften andererseits. Tja, und von beidem hat nun wiederum er viel.

Sigmar Gabriel hat einen Plan. Nicht einen wie von den Sozialisten, nein, das nicht, die hatten immer Fünf-Jahres-Pläne. Er hat einen Vier-Jahres-Plan, es ist ein richtig lange zurechtgelegter, einer mit Annahmen. Eine der Annahmen, auf der alles basiert, lautet: Die Sozialdemokraten halten die Legislaturperiode in der großen Koalition durch. Denn die will Gabriel nutzen.

Der Plan lautet, auf eine einfache Formel gebracht: Hier wird regiert. Zu einfach? So schwierig. Denn es setzt voraus, dass jeder seinen Platz kennt und ihn ausfüllt. Gabriel zuerst. Damit am Ende, wenn abgerechnet wird, am besten auch ihre Gegner sagen, dass die SPD in der großen Koalition über vier Jahre viel Ordentliches zustande gebracht hat. Dass sie ganz anders war als die FDP. Dass man das überhaupt nicht vergleichen kann. Dass sie – ja, dass sie regieren kann.

Anerkennung ist es, was Sigmar Gabriel anstrebt, Anerkennung für seine Partei und damit für sich. In diesem Fall kommt die Partei zuerst, aber sie ist von ihm, dem starken Mann seit den Koalitionsverhandlungen, nicht zu trennen. Gabriel muss sich und den Sozialdemokraten und allen anderen Demokraten auch beweisen, dass er die Anerkennung verdient. Und er weiß es. Lange nicht war er so diszipliniert wie heute. Wie lange, das ist die Frage.

Sein Rücken wird immer runder - er erinnert an eine Kanonenkugel

Zumindest kommt er immer mal wieder zu spät, sogar zur Kanzlerin, zu den Kollegen, überhaupt. Aber er hat auch viel zu tun, steht mächtig unter Dampf. Wer ihn bei der Arbeit sieht, der bekommt eine Ahnung davon. Der sieht, wie jüngst bei Fragen nach der Kabinettsklausur in Meseberg, dass sein Rücken immer runder wird, bis er plötzlich an eine Kanonenkugel erinnert, die gleich aus dem Stuhl losschießen könnte.

Aber er hat ja seinen Plan, und deshalb schießt er eben nicht los, poltert nicht, zerschlägt nichts, kein Fitzelchen politisches Porzellan, sondern antwortet fast sanft, für seine Verhältnisse, dazu ernsthaft, geduldig. Du bist dein wichtigstes Führungsinstrument, sagt ein Coach – und Sigmar Gabriel führt sich selbst, erkennbar. Er führt sich sehr ordentlich. Sehr aufgeräumt. Sehr zielstrebig.

Vier Jahre sind eine lange Zeit? Sie können sehr kurz sein, wenn man ein Bild korrigieren muss von der Partei und von sich. Die Jahre in der Bundesregierung könnten doch auch morgen, übermorgen, in einem Jahr, in zweien vorzeitig zu Ende sein, wer weiß das schon. Die Welt hält sich nicht an die Pläne der SPD. Nicht mal die SPD hält sich immer dran.

Und von dem Plan weiß sie ja noch nichts. Nichts Genaues, muss man sagen. Denn der Ursprung liegt weiter zurück. Damals wurde Gabriel nicht ganz so genau betrachtet wie heute, und wenn, dann vornehmlich mit Argwohn. Es ist 2006. Sigmar Gabriel ist damals Umweltminister. Er bereitet sich auf eine Tagung seines Ministeriums mit der Industriegewerkschaft Metall in einem Berliner Hotel vor. Auch schon eine wichtige Sache, damals, diese Sache mit den Gewerkschaften, diese Entfremdung. Aber da passiert ihm diese Idee.

Gabriel ist eine Art wandelndes Lexikon der Sozialdemokratie, eines der Gewerkschaftsbewegung dazu, die doch eigentlich immer Bestandteil der Sozialdemokratie war. Er erinnert bis heute, was er einmal über einen 1972 veranstalteten Zukunftskongress der IG Metall in Oberhausen unter dem Thema „Qualität des Lebens“ gelesen hat. Qualität des Lebens! Da ist er, der Begriff. Gutes Leben, Qualität des Lebens – und woran die Bundesregierung, die neue, die des Jahres 2014, arbeiten will, kommt ihm entgegen.

Jetzt sitzt er dafür im richtigen Amt, einem der klassischen, einem mit Würden und Bürden. Ein Amt, das alles verbindet, was ihm wichtig war und ist – gutes Leben und gute Arbeit, gutes Auskommen, und zwar jedweder Art, auch das der Sozialdemokraten mit den Gewerkschaften. Das hat er aus der Zeit mit und unter Gerhard Schröder, dem Niedersachsen, dessen Weg er kreuzte, gelernt: Nur in dieser Verbindung ist gesellschaftlicher Fortschritt im Ausgleich der Interessen möglich, auch der sozialdemokratischen, als Partei zu überleben.

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