• Sigmar Gabriel im Interview: „Bankmanager müssen stärker zur Rechenschaft gezogen werden“

Sigmar Gabriel im Interview : „Bankmanager müssen stärker zur Rechenschaft gezogen werden“

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel spricht im Interview über ein härteres Vorgehen gegen die Banken und ihre Manager, die richtige Krisenpolitik - und über gutes Teamwork beim Windelnwechseln mit seinem kleinen Töchterchen.

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Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender.
Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender.Mike Wolff

Herr Gabriel, schön, dass Sie Zeit haben, obwohl Sie gerade Ihre drei Monate alte Tochter Marie betreuen.

Sie haben Glück. Heute tagt der Bundestag in einer Sondersitzung, sonst wäre ich nicht hier. Heute kümmert sich meine Frau um unsere Tochter.

Wie kompliziert ist es, Beruf und Familie zu organisieren?

Bislang klappt das ganz gut, aber im Moment ist ja auch Sommerpause. Wenn der Betrieb wieder auf Hochtouren läuft, werden wir die gleichen Probleme haben wie Millionen anderer berufstätiger Eltern auch.

Kann ein Politikjunkie ohne Politik leben?

Ohne Politik lebe ich nie. Auch wenn ich morgen kein Abgeordneter mehr bin, würde ich mich für Politik interessieren. Das hat nichts mit Marie zu tun.

Vätern, die in solchen Vollzeitjobs wie Sie arbeiten, fällt die Entschleunigung in der Elternzeit oft schwer. Wie ist es bei Ihnen?

Vor zehn Jahren habe ich auch gedacht, nichts liefe ohne mich. Heute finde ich es einfach klasse, morgens aufzuwachen und mal keinen Termin vor mir zu haben, nicht unter Druck zu stehen und den Tag im ziemlich ruhigen Takt meiner Tochter zu erleben.

Was machen Sie für Erfahrungen als Vater mit Baby?

Gestern war ich mit Marie in einem Café. Da stellte ich fest, die Windel muss gewechselt werden. Einen Wickeltisch gab es natürlich nur in der Damentoilette. Sie können sich vorstellen, wie entgeistert mich die Damen dort angesehen haben. Eine wollte sogar helfen, weil sie meinte, ich könne das bestimmt nicht alleine.

Und, durfte Sie?

Die nette Frau hat sich beim Zuschauen davon überzeugt, dass Marie und ich beim Windelwechseln ein gutes Team sind. Aber an solchen Reaktionen sieht man: Im Alltagsleben herrscht noch immer die Vorstellung, für Babys seien eigentlich die Frauen zuständig. Deswegen gibt’s Wickeltische meist nur auf Damentoiletten.

Wer betreut Ihr Kind, wenn Sie im September in die Politik zurückkehren?

Meine Frau arbeitet in ihrer Praxis halbtags, und wir haben für diese Zeit einen Krippenplatz. Aber natürlich trägt meine Frau eine größere Last als ich. Wer behauptet, Job und Familie ließen sich in einem solchen Beruf, wie ich ihn habe, hundertprozentig gleichberechtigt organisieren, der macht sich was vor. Wir haben uns darüber nie Illusionen gemacht.

Lassen Sie uns über Politik sprechen. Gerade hat die SPD einem Antrag der Koalition in der europäischen Krisenpolitik zugestimmt. Wird dieses Land von einer großen Koalition regiert?

Nein, aber es ist in der Geschichte der Bundesrepublik oft so gewesen, dass in wichtigen außen- und europapolitischen Fragen Regierung und Opposition Deutschland auf einem gemeinsamen Kurs gehalten haben. Die SPD nimmt ihre Verantwortung für Europa wahr.

Angela Merkels Europa.

Es ist schwierig zu erkennen, welches Europa Angela Merkel denn meint. Sie hat dazu ihre Positionen in den letzten zwei Jahren einfach zu häufig gewechselt. Mein Vorwurf an die Bundesregierung ist, dass sie bei der Finanzmarktregulierung nicht ansatzweise so detailliert und engagiert handelt wie bei der Kürzung der Renten, der Erhöhung der Mehrwertsteuer, der Ausdünnung des öffentlichen Dienstes in den Krisenstaaten.

Am Ende stimmt die SPD Merkels Kurs aber immer zu.

Was Sie da sagen, ist schon lustig, denn bei CDU/CSU und FDP lautet die Kritik an Angela Merkels Kurs: Am Ende macht sie dann doch die SPD-Forderungen mit. Die Konservativen und die liberalen Abgeordneten haben ihrer Kanzlerin geglaubt, wenn sie eine Finanzmarktbesteuerung in Europa für unmöglich erklärt hat. Jetzt kommt diese Steuer doch. Und wenn Angela Merkel und ihre wackelige Koalition erst monatelang jede Wachstumsinitiative für überflüssig halten und am Ende dann doch dem Wachstumspaket der SPD zustimmen, ist das für viele aus CDU/CSU und FDP schwer erträglich, weil es ja eine reine SPD-Politik ist. Aber ehrlich gesagt: Wer wem folgt, ist ja eigentlich völlig egal, wenn wir nur gemeinsam das Richtige tun. Nur leider geschieht das immer sehr spät und wird deshalb immer teurer. Und heute ist die Lage so dramatisch, dass wir nicht einmal wissen, ob die riesigen Hilfspakete überhaupt noch wirken.

Sind solch großen Krisen nur durch eine informelle große Koalition zu lösen?

Wenn Regierung und Opposition in einer wichtigen Frage den Kurs des Landes gemeinsam bestimmen, ist das noch nie in Deutschland gleichbedeutend mit einer großen Koalition gewesen. Aber es ist ein Zeichen großer parlamentarischer Stärke und großen Selbstbewusstseins in allen Parteien. Das macht Deutschland für andere Partner verlässlich. Viele Staaten Europas beneiden uns um diese Stabilität.

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