Politik : Silben sparen

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Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Kürzlich, am Rande eines Berliner Fraktions-Sommerfestes, ist eine der Grundfragen der Gegenwart zumindest vorläufig gelöst worden. Es geht um das alte Rätsel, warum die Französische Revolution „siebzehnhundert…“, die Industrielle „achtzehnhundert…“ und die Russische „neunzehnhundert…“ stattfanden, wir aber heute „zweitausendzwei“ sagen statt „zwanzighundertzwei“.

Also: Es liegt an der Silbenökonomie. „Siebzehnhundert“ hat vier Silben; „tausendsiebenhundert“ kommt dagegen auf sechs Silben. Im frühen Industriezeitalter war der Unterschied nicht mehr ganz so gravierend. Immerhin ist „achtzehnhundert“ mit vier Silben immer noch kürzer als „tausendachthundert“ mit fünf Silben. „Neunzehnhundert“ ist ebenfalls eine Silbe schneller gesagt als „tausendneunhundert“. So. „Zweitausend“ ist aber eine Silbe kürzer als „zwanzighundert“. Deshalb, nur deshalb, so die Hypothese, sagen wir „zweitausend“. Richtig interessant wird es in 98 Jahren, wenn das nächste Jahrhundert anbricht. „Zweitausendeinhundert“ ist mit sechs Silben exakt gleich umständlich zu sagen wie „einundzwanzighundert“.

Silbenökonomisch betrachtet bedeutet dies nicht mehr und nicht weniger, als dass wir in knapp hundert Jahren eine babylonische Sprachverwirrung bekommen werden. Jeder wird reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Falls dann alle Englisch reden, sieht es gänzlich anders aus: Da fällt das Jahrhundert weg, und „twentyone“ ist kürzer als „twothousandonehundred“. Jene von uns, die zuversichtlich hoffen, von gewaltigen Fortschritten der Genetik und der Medizin zu profitieren, werden das vielleicht sogar noch erleben! Robert von Rimscha

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