Politik : „Skrupel kennen die Entführer nicht“

Guiliana Sgrena über Ängste und Hoffnungen als Geisel und einen möglichen Zusammenhang mit dem Regierungswechsel in Berlin

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Frau Sgrena, ist es Ihnen zuzumuten, über die Entführung von Susanne Osthoff zu sprechen?

Für mich bricht der ganze Schmerz noch einmal auf. Aber ich kann vielleicht ein wenig helfen. Seitdem ich selbst befreit worden bin, werde ich von Angehörigen anderer Opfer kontaktiert. Und schon die Mitteilung, dass ich physisch nicht malträtiert worden bin, ist ein kleiner Trost. Oft stellt man sich die Entführer als blutrünstige Wilde vor. In meinem Fall waren sie es nicht.

Woran haben Sie als Erstes gedacht, als Sie die neue Hiobsbotschaft erreichte?

Mein erster Gedanke war: Warum gerade eine Deutsche? Die Deutschen haben sich doch aus dem Konflikt herausgehalten. Meine Entführer haben sich als sehr politisch herausgestellt. Sie waren über jeden Wechsel in Europa gut informiert und verfolgten über Satellit die ausländischen Informationssendungen. Ich würde nicht ausschließen, dass es einen Zusammenhang mit dem Regierungswechsel bei Ihnen gibt.

Wissen Sie heute, ob Ihre Entführer Terroristen oder gewöhnliche Kriminelle waren?

Gewöhnliche Kriminelle waren es nicht. Es waren aber auch keine Terroristen vom Schlage al Sarkawis. Sie waren Teil jenes nebulösen Widerstandes gegen die Besetzung, der vor verabscheuungswürdigen Mitteln wie Entführungen nicht zurückschreckt, um politische Ziele durchzusetzen.

Sind diese Gruppen genauso gefährlich für ihre Opfer wie gewöhnliche Kriminelle?

Meiner Meinung nach sind sie weniger gefährlich. Denn wenn es gewöhnliche Kriminelle sind, zählt für sie nur das Lösegeld, das Leben aber sehr wenig. Wenn es Terroristen vom Schlage al Sarkawis sind, haben sie schon so viele Menschen getötet, dass ein Mord mehr oder weniger auch keinen Unterschied macht. Politischere Gruppen sind Verhandlungen gegenüber aufgeschlossener. Da gibt es etwas mehr Spielraum, um die Geisel zu befreien.

Was passiert mit den Entführten in den ersten Tagen? Was macht Angst, was Hoffnung?

Meine Erfahrung und auch die anderer Entführter ist, dass man am Anfang eben vor allem verstehen muss, wer einen entführt hat. Ich habe mich sehr darauf konzentriert. Aber dann gab es Phasen der Panik, weil mir meine Entführer stets unmaskiert begegneten. Da habe ich gedacht: Die wollen mich bestimmt umbringen. Am Anfang kommen sie immer mit der Verdächtigung, dass ihr Opfer ein Spion sei. Gerade dann, wenn man sich im Land besonders gut auskennt oder sogar die Sprache spricht. Nach einer Woche haben sich meine Entführer in diesem Punkt beruhigt. Aber sie sagten, sie müssten mich trotzdem benutzen. Jeden Samstag gab es irgendeine Entscheidung oder Neuigkeit, denn das ist für sie der erste Tag in der Woche. Die Tage dazwischen bedeuteten qualvolles Warten.

Legen es die Entführer darauf an, ihre Opfer zu erniedrigen?

Ich hatte den Eindruck, sie wollten mich wie eine Gefangene behandeln. Das ist nicht komfortabel, aber es gibt offenbar so etwas wie einen Verhaltenskodex. Ich habe zum Beispiel Medikamente erhalten und auch ausreichend Essen. Ich wusste bis zuletzt nicht, was sie von mir hielten. Sie fragten mich: Bist du eine Kommunistin oder eine Christin? Ehrlich gesagt, ich wusste nicht, was in ihren Augen schlimmer ist. Ich habe so getan, als hätte ich die Frage nicht verstanden. Einmal schlug einer der Entführer vor, ich solle zum Islam konvertieren. Ich entgegnete, der Glaube sei etwas Ernstes. Das haben sie mir wohl nicht abgenommen. Ein anderer Entführer unterbrach die Diskussion und sagte, es sei zwecklos – Kommunisten hätten keinen Gott.

Wie darf man sich die Aufnahme des Horrorvideos vorstellen?

Sie wirken eher unbeholfen im Umgang mit der Technik. Irgendwann forderten sie mich auf, eine Botschaft an meinen Lebensgefährten zu formulieren. Und da ist mir bewusst geworden, dass es das erste Mal war, dass ich mich an ihn gewandt habe – und es hätte auch das letzte Mal sein können. Und dass ich ihn mit einer Verantwortung befrachtete, die er gar nicht tragen konnte. Das hat mich zerrissen.

Noch weigert sich das deutsche Fernsehen, Ausschnitte aus dem Video zu senden. Was halten Sie für richtig?

Es ist besser, das Video zu zeigen. Es hilft, eine Öffentlichkeit zu mobilisieren.

Auch wenn man dadurch dem Kalkül der Terroristen entgegenkommt?

Die Frage ist berechtigt. Aber in meinem Fall ließen sich die Menschen für Ziele mobilisieren, die meine eigenen waren, ganz sicherlich nicht die der Entführer. Man macht nur dann ihr Spiel mit, wenn man ihre Forderungen übernimmt.

Warum entführen sie immer wieder Menschen, die besonders friedliebend sind und sich dem irakischen Volk verbunden fühlen?

Das habe ich mich auch gefragt. Ein Grund ist, dass Menschen wie die beiden Simonas oder die deutsche Archäologin viel mehr Kontakt mit der Realität haben und deshalb verwundbarer sind.

Auch wenn sie sich im Sinne ihrer Entführer betätigt haben?

Diese Skrupel kennen die Entführer nicht.

Sie selbst haben entschieden, nicht mehr aus dem Irak zu berichten. Würden Sie auch allen anderen ausländischen Zivilisten raten, das Land zu meiden?

Zurzeit ist es besser, dem Irak fernzubleiben. Wir Journalisten werden so behindert, dass wir ohnehin nicht frei berichten können. Jeder Einsatz ist ein Risiko. Leider ist es ein sinnloses Risiko.

Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo.

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