Politik : SMS aus dem Garten

Verwirrung um „Stern“-Reporter in Afghanistan

Martin Gehlen

Berlin - Früh um 6 Uhr 25 lief am Mittwoch die erste Eilmeldung: In Afghanistan sei möglicherweise ein deutscher Journalist zusammen mit zwei Begleitern entführt worden. Als Quelle genannt ist ein Sprecher der ostafghanischen Provinz Kunar. Angeblich hatten Dorfbewohner berichtet, der Reporter sei am Dienstagabend im Dorf Sangar zum Übernachten in ein Haus eingeladen worden. Gegen ein Uhr nachts hätten Rebellen ihn und seine Begleiter verschleppt. Fünf Stunden später meldete sich aus Hamburg dann „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn zu Wort: „Wir machen uns jetzt große Sorgen um Christoph Reuter und versuchen, mit ihm Kontakt aufzunehmen.“ Reuter befinde sich im Urlaub, den er in Afghanistan verbringen wollte. Der Reporter kenne das Land gut. Er sei in den vergangenen Jahren immer wieder für den „Stern“ dort gewesen.

Zeitgleich dazu laufen über die Nachrichtenagenturen erste Porträts des angeblich Entführten. Darin wird der 39-Jährige als „risikobereiter Magazin-Journalist“ charakterisiert, der vor allem in Krisengebieten nach Informationen aus erster Hand suche, um die Geschichte hinter der Nachricht zu schreiben. Reuter spreche fließend Arabisch und konzentriere sich bei seiner Arbeit auf den Nahen Osten. Nach dem Sturz von Saddam Hussein hat er vom Oktober 2003 an fast ein dreiviertel Jahr in Bagdad gelebt und seine Erfahrungen in einem Buch veröffentlicht.

Gegen 13 Uhr bestätigt der afghanische Gouverneur der Provinz Kunar, Dedar Schalesai, erstmals offiziell, der Deutsche sei zusammen mit zwei Begleitern von den Taliban verschleppt worden. Bereits eine Stunde später gab gleiche Gouverneur Entwarnung: Die Entführten seien wieder frei.

„Bitte verwenden Sie das Porträt von Christoph Reuter nicht, tickert es nun über die Nachrichtenagenturen. Der „Stern“ lässt verbreiten, der Entführte sei nicht Reuter gewesen. Um 15 Uhr 01 sei eine SMS von seinem Handy eingegangen mit dem Text: „Ich war nie entführt. Sitze friedlich im Garten.“ Reuter sei zwar in Afghanistan, aber nie im ostafghanischen Watapur gewesen, dem angeblichen Schauplatz des Zwischenfalls. Eine halbe Stunde später meldete sich erneut der Sprecher der Provinz Kunars: Der kurze Zeit entführte Mann sei kein Deutscher, sondern Däne – und zwar mit afghanischer Abstammung. Dem widersprach am Abend das Kopenhagener Außenministerium. Der Mann sei nicht entführt worden. Er sei entkommen, indem er sich in eine örtliche Polizeistation gerettet habe. Martin Gehlen

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