Politik : So etwas wie Glück

Wenn Choi Yeong-Ok ihre Geschichte erzählt, dann glauben ihr manche nicht, so unfassbar klingt sie. Zu viel Hunger, zu viel Leid. Dabei gibt es Tausende, die Ähnliches erlebt haben. Von einer Flucht aus Nordkorea, die Jahre dauerte und nur 100 Kilometer weiter südlich endete.

Fabian Kretschmer[Seoul]
Armes fremdes Land. Feldarbeiter in Nordkorea im April 2012, aufgenommen aus einem fahrenden Zug. Foto: Pedro Ugarte/AFP
Armes fremdes Land. Feldarbeiter in Nordkorea im April 2012, aufgenommen aus einem fahrenden Zug. Foto: Pedro Ugarte/AFPFoto: AFP

Es war im Jahr 1998, als Choi Yeong-Ok die folgenreichste Entscheidung ihres Lebens traf. Unter Tränen gab sie ihre damals fünf- und siebenjährigen Töchter bei den Großeltern ab und verschwand aus ihrem Dorf mitten in der Nacht – einer ungewissen Zukunft entgegen. Sie verließ Nordkorea.

Choi Yeong-Ok trägt ein warmherziges Lächeln im Gesicht, trotz des Leids, das ihr in all den Jahren widerfahren ist. Die Besucher empfängt sie 14 Jahre später an einem Herbsttag vor der Tür ihres kleinen Hauses, gelegen in einer idyllischen Hügellandschaft, gute zwei Stunden Autofahrt entfernt von der südkoreanischen 20-Millionen-Metropole Seoul.

Zwischen ihrem alten und neuen Leben liegen nur hundert Kilometer. Der Weg dahin war jedoch unendlich weit.

Der Alltag in Nordkorea, beteuert sie, sei immer hart gewesen, aber trotz allem ertragbar. Nie hätte sie daran gedacht, ins Ausland zu flüchten, schon gar nicht nach Südkorea. Dort, so wurde ihr an der Universität im Norden stets eingetrichtert, lebten nur wenige wohlhabende Großgrundbesitzer, die die breite Masse an bettelarmen Leuten unterdrücken. Doch dann kamen die 90er Jahre und mit ihnen die Zeit der großen Hungersnöte. Kein einziger Baum stehe mehr im Umkreis von etlichen Kilometern rund um ihr Heimatdorf, ursprünglich ein waldreiches Gebiet, erzählt Choi Yeong-Ok. Alle sind sie abgestorben, weil sich die Dorfbewohner fast ausschließlich von Baumrinde und Gras ernähren mussten.

Später bekamen sie essbare Erde von der Regierung zugeteilt, die sie zu Pfannkuchen, Brot oder Nudeln kochten. Doch die Erde liegt schwer im Magen und wird nicht ordentlich verdaut. „Die Erde wird bereits im Darm steinhart“, erklärt Choi Yeong-Ok. Jedes Mal musste sie die Exkremente mit den Händen aus den Därmen ihrer weinenden Kinder herausholen, bis deren After zu bluten begannen. Dennoch aß die Familie am nächsten Tag wieder die gleiche Kost, jahrelang.

„Viele glauben mir heute immer noch nicht, wenn ich von damals spreche“, sagt Choi Yeong-Ok. Jüngst referierte sie im südkoreanischen Parlament über die Hungersnöte – und wurde anschließend von einigen als Lügnerin beschimpft.

Pressefreiheit gibt es in Nordkorea nicht oder nur sehr eingeschränkt, weswegen es schwerfällt, wirklich verlässliche Informationen über das Land zu bekommen. In Südkorea wiederum ist es auf andere Weise schwierig, denn die Nordkorea-Frage ist dort hochpolitisiert: Die konservativen Kräfte haben ein Interesse daran, den Norden als gefährlichen Schurkenstaat darzustellen, schließlich fahren sie hohe Wahlergebnisse damit ein. Die äußere Sicherheit ist nach wie vor ein Kernthema der konservativen Volkspartei.

Während die älteren Bewohner Südkoreas noch einen Bezug zum Norden haben, nehmen die jüngeren Leute den Nachbarstaat zunehmend als fremdes Land wahr, mit dem sie nicht viel zu tun haben wollen, von einer Wiedervereinigung gar nicht zu sprechen. Denn die würde schließlich ihren neu gewonnenen Wohlstand bedrohen und das Land wirtschaftlich um Jahre zurückwerfen. Laut Schätzungen eines regierungsnahen Instituts könnte eine Wiedervereinigung mit Nordkorea allein im ersten Jahr bis zu 240 Milliarden US-Dollar kosten; nach einer Dekade könnten die Kosten bis auf 2,4 Billionen Dollar ansteigen.

Rund 24 000 nordkoreanische Flüchtlinge leben derzeit in Südkorea. Dort stellen die Menschen sie häufig unter Generalverdacht: Dass sie ja nur geflohen seien, weil sie in ihrem Heimatland als Kriminelle gesucht würden; dass sie ihre eigene Familie im Stich gelassen hätten. Verräterin, nannten sie Choi, die sich sowieso oft so fühlte. Immerhin hatte sie ihre Töchter in Nordkorea zurückgelassen. Mehr als alles schmerzte sie der Gedanke daran, dass die beiden Kinder zur Strafe für die Flucht der Mutter in ein Arbeitslager gesteckt wurden. Verwandte erzählten ihr davon.

Choi Yeong-Oks Erzählungen klingen unglaublich, doch einzigartig sind sie nicht. Etliche Flüchtlinge berichten von ähnlichen Erlebnissen. Es ist anzunehmen, dass nur ein kleiner Teil auch an die Öffentlichkeit geht. Frau Choi tut es. Ob sie aber politisch instrumentalisiert wird, lässt sich letztlich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen.

Wie mehr als 90 Prozent der nordkoreanischen Flüchtlinge floh auch Frau Choi über China. Meist durchqueren sie das komplette Land, um dann über Laos, Kambodscha oder Vietnam nach Südkorea einzureisen. „Die Flüchtlinge sind im Grunde dreimal in Lebensgefahr“, sagt die südkoreanische Menschenrechtlerin Park Sun-Young: „Zum einen an der nordkoreanischen Grenze, dann beim Überqueren des Mekong-Flusses, wo sie Gefahr laufen, von Krokodilen gefressen zu werden.“ Denn nur die Flüchtlinge, die genug Geld gespart haben, können sich ein Boot zur Überquerung des Flusses leisten. Die anderen treiben auf improvisierten Flößen oder bloßen Holzbrettern. Die dritte Gefahr schließlich ist das extreme Wetter, tropische Hitze im Sommer, mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit, und bitterkalte Nächte im Winter.

Die Jura-Professorin und ehemalige Abgeordnete Park setzt sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge aus dem Norden ein. Als Politikerin erfuhr sie immer wieder von deren Leid. Nun, nachdem sie ihr politisches Amt aufgegeben hat, bleibt ihr endlich die Zeit, sich verstärkt zu engagieren. Im Frühjahr gründete sie eine Organisation, die nordkoreanische Flüchtlinge unterstützt.

Choi schaffte es nach China. Und doch währte ihre Erleichterung denkbar kurz. Bereits am Bahnhof, erzählt sie, warteten Menschenhändler auf die koreanischen Flüchtlinge, die an Akzent und Kleidung deutlich zu erkennen waren. Choi Yeong-Ok wurde gekidnappt und verkauft – für umgerechnet etwa 700 Euro an einen chinesischen Bauern. Für nordkoreanische Frauen auf der Flucht ist dies laut Menschenrechtsorganisation wie der Citizen’s Alliance for North Korean Human Rights kein ungewöhnliches Schicksal. An der nordkoreanisch-chinesischen Grenze werden seit Jahren immer wieder nordkoreanische Frauen entführt und an chinesische Männer zwangsverheiratet. Denen sind die Frauen meist schutzlos ausgeliefert, weil sie illegal in China sind und fürchten müssen, jederzeit wieder nach Nordkorea abgeschoben zu werden.

Auch Frau Choi lebte jahrelang wie eine Gefangene in China, wurde, so berichtet sie, fast täglich geschlagen und vergewaltigt – bis ihr Mann eines Tages vergaß, die Haustür abzuschließen. Sie ergriff die Chance und flüchtete. Sie erzählt davon, wie sie noch mehrere Jahre lang als Illegale in China blieb und das erste Mal so etwas wie Glück fand: Choi heiratete einen Bauern der koreanischen Minderheit und zusammen lebten sie ein bescheidenes Leben. Bis ins Jahr 2006, in dem sich Choi Yeong-Ok entschloss, ihre Flucht fortzusetzen. Nach Südkorea, das ihr mittlerweile vorkam wie das gelobte Land. Die meisten Leute dort, hörte sie nun, seien reich. Sie müsste nicht mehr mit der ständigen Furcht vor Abschiebung leben. Und sie wäre ihrer Heimat näher.

Ihren Mann versprach Choi nachzuholen. Als Versicherung, dass sie ihn nicht verlassen würde, ließ sie sich von ihm schwängern.

Ein Schlepper brachte die Nordkoreanerin schließlich bis zur Wüste Gobi, dem Grenzgebiet zur Mongolei. Mehr als drei Tage lang marschierte Choi im kalten Winter weiter in Richtung Norden, ohne je einem Menschen zu begegnen. Am Ende ihrer Kräfte angelangt, legte sie eine Pause ein, um sich zu erleichtern. Doch statt Urin entlud sich ein riesiger Schwall Blut aus ihrem Körper. Ohne es zu wissen, hatte Choi soeben eine Fehlgeburt erlitten. Vor Erschöpfung brach sie zusammen und blieb liegen. Frau Choi erzählt, wie sie nur einen Gedanken hatte, wie sicher sie sich war: Ich werde sterben. Sie schloss die Augen – und schlug sie in einem mongolischen Krankenhaus wieder auf.

Soldaten hatten die Bewusstlose in der Wüste gefunden, mit schlimmsten Erfrierungen. Die Zehen an Frau Chois linkem Fuß waren nicht mehr zu retten. Im Krankenhaus nahmen die Ärzte sie ihr ab. Noch bevor Choi Yeong-Ok realisierte, was geschehen war, saß sie bereits im Flugzeug in Richtung Südkorea, dem Ziel ihrer Träume, Hightech-Land, Heimat von Samsung, unter den größten Volkswirtschaften der Welt auf Platz 14.

Während Choi all dies erzählt, liegt neben ihr ein Smartphone, ein Zimmer weiter steht ein gefüllter Kühlschrank und vor dem Haus ihr eigenes Auto. Sie lebt nun wieder gemeinsam mit ihrem Mann, der ihr nach Südkorea folgte. Auch er hat es geschafft. Jenen, die es nicht schaffen, die auf dem langen Weg durch China aufgegriffen werden und verhaftet, droht die Abschiebung in ihr Heimatland und dort die Internierung in einem Straflager.

Seit dem Februar, als China wieder einmal 31 nordkoreanische Flüchtlinge festnahm, um sie zurück nach Nordkorea zu schicken, demonstriert die Aktivistin Park deswegen vor der chinesischen Botschaft in Seoul. Auch an diesem Nachmittag im September. Mit etwa 30 weiteren Demonstranten steht sie vor aberdutzenden Polizisten, die sich zusammengeschoben haben zu einer menschlichen Mauer. Park Sun-Young streckt ihre geballten Fäuste gen Himmel, sie schreit: „Schluss mit Folter und Menschenrechtsverletzungen.“ Frau Park, die Ende 50 ist und so zierlich, dass sie alles andere als gefährlich wirkt, ist wütend.

Es ist nicht das erste Mal, dass China nordkoreanische Flüchtlinge abgeschoben hat. Im Gegenteil. Bereitwillig erzählen die Demonstranten, was mit nordkoreanischen Abtrünnigen in deren Heimat geschehe. Entweder sie würden direkt an der Grenze hingerichtet oder sie landeten in Straflagern, aus denen nur die wenigsten lebendig heraus kämen. Täglich zwölf Stunden Zwangsarbeit, in Minen oder auf Feldern, bei katastrophaler Nahrungsversorgung. Auch nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sterben etliche der Inhaftierten in Lagern, deren Existenz die nordkoreanische Regierung leugnet. Nach Schätzungen der südkoreanischen Regierung sitzen derzeit in sechs politischen Internierungslagern Nordkoreas mehr als 150 000 Menschen ein.

Die Demonstranten vor der chinesischen Botschaft haben die Kampagne „Save my friend“, Rette meinen Freund, ins Leben gerufen, eine Petition erstellt, mithilfe derer die Flüchtlinge vor einer Abschiebung bewahrt werden sollen. Menschen aus mehr als 200 Ländern haben sich inzwischen daran beteiligt, aus Japan und Deutschland, Spanien, den USA und auch aus China. Dem Land, das argumentiert, es handle sich bei den Nordkoreanern um Wirtschaftsflüchtlinge, die nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention von 1954 fallen, die jene schützen soll, denen Verfolgung oder Folter drohen.

Gegen die Wut hilft Park Sun-Young der Blick auf kleine Erfolge. Auf das inzwischen glückliche Leben von Choi Yeong-Ok zum Beispiel. Oder auf einen kahlen Rohbau in der Nähe von Chois Haus. Der Bau soll werden, wovon Frau Park schon lange träumt: eine Schule für nordkoreanische Flüchtlinge. Neben Unterricht sollen die Kinder hier zusätzlich psychologische Betreuung bekommen.

Auch wenn es noch nicht fertig ist, für die Nordkoreanerin Choi Yeong-Ok symbolisiert das turnhallengroße Gebäude schon jetzt ihr neues, zukünftiges Leben. Trotz Theologie-Studiums an einer renommierten südkoreanischen Universität hat sie in ihrer Wahlheimat bis auf Aushilfsjobs nie eine richtige Arbeit bekommen, zu groß war das Misstrauen der Nordkoreanerin gegenüber. An der Schule soll sie als Lehrerin arbeiten – und den Kindern bei der Integration in die südkoreanische Gesellschaft helfen. Die sollen es einmal leichter haben als Frau Choi.

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