Politik : "So große Herzen wie wir Serben hat keiner auf der Welt"

ALEXANDER PAJEVIC

BERLIN .Wie die Stimmung unter den Berliner Serben ist? Wie soll die Stimmung schon sein, wenn den Verwandten Bomben auf den Kopf fallen.Aber wer sind die Berliner Serben überhaupt? Aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt die zweitgrößte Gruppe von Ausländern in Deutschland; über 10 000 Serben leben in Berlin.Aber weil sie äußerlich meistens von Westeuropäern nicht zu unterscheiden sind und man nicht zum Serben um die Ecke geht, um frisches Gemüse zu kaufen, kennt man sie nicht.Die meisten von ihnen sind wohl das, was man integriert nennen würde.Wo sind die Berliner Serben?

In einem unwirtlichen Industriegebiet in der Neuköllner Grenzallee liegt in einem Souterrain der "Serbische Kultur- und Sportverein".Unter seinem Dach gibt es acht verschiedene Abteilungen, darunter sogar einen serbischen Anglerverein.Und seit einiger Zeit einen humanitären Hilfsverein.Die Räume sehen aus wie die meisten Klubheime irgendeines Sportvereins: ein Tresen, Pokale im Regal und kitschige Darstellungen serbischer Geschichte.Am Sonntag abend ist es voll und verraucht.Die Aufmerksamkeit ist zweigeteilt; eine Hälfte des Raumes starrt auf den Fernseher, wo per Satellit die Nachrichten des jugoslawischen Staatsfernsehens laufen, am anderen Ende wird diskutiert; dazwischen sitzen ein paar Zeitschachspieler und schlagen in angespannter Konzentration immer wieder klackend auf die Schachuhr.

Das Fernsehen zeigt Kinder in Luftschutzkellern.Sie würden sich schon ein bißchen fürchten, sagen sie, und daß sie sich Frieden wünschen.Die Ansagerin spricht von den "amerikanischen Aggressoren" und berichtet von Luftangriffen auf Kragujevac.Jeder Serbe kennt die Stadt, nicht wegen der Zastava-Autofabriken, sondern weil dort das größten Nazi-Massaker an den Serben stattfand.Die Sprecherin vergißt nicht, das zu erwähnen.Danach werden lange Berichte über Anti-NATO-Demonstrationen in aller Welt gezeigt.Die Mengen auf dem Bildschirm skandieren "Srbija, Srbija".Niemand im Raum fällt mit ein.

Drei Jugendliche haben sich eine große, gemeinsame Portion Pommes rotweiß bestellt.Wie fühlen sich junge Serben in Berlin? Beschissen, sagen sie.Und bedroht.Wenn er jemandem erzähle, er sei Serbe, sagt der 17 Jahre alte Mladen, käme gleich immer so ein "Was-ist-denn-das-für-einer"-Blick.Und jetzt auch noch die Bomben.Mladen ist in Berlin geboren und will demnächst einen deutschen Paß beantragen; er würde auch zur Bundeswehr gehen.Trotzdem war er mit seine Freunden beim jugoslawischen Konsulat und wollten sich freiwillig für die Armee melden."Es ist unser Volk da unten", sagt er.Er gibt auch Angst zu.Aber hier rumsitzen und nichts tun? Das wäre noch schlimmer.Die Eltern wissen nichts von dem Vorhaben, aber der 16 Jahre alte Slavisa hat seinen Vater gefragt, warum er sich nicht meldet.Weil er nicht in den Krieg wolle, habe der gesagt.Er hat zwei Jahre in Bosnien gekämpft.

Richtig ernst wird der Kampfeswille der drei Jugendlichen nicht genommen."Das sind Kinder", sagt ein Mann.Ihr Gefühl, bedroht und ausgegrenzt zu werden, können hingegen alle teilen.Eine Gruppe Erwachsener an seinem Tisch will gar nicht mehr richtig über die Sache sprechen.Was denn nur los sei, daß die Serben so verhaßt seien, fragt eine Frau, die seit ihrem neunten Lebensjahr in Berlin lebt.Milivoje Petrovic, der eine Textilreinigung betreibt, sitzt mit ihr am Tisch.Seit 30 Jahren ist er hier, und jetzt meint er, in vielen deutschen Augen eine Freude über das gesehen zu haben, was in seiner Heimat geschieht."Das verstehen wir nicht", sagt er.Die meisten Serben im Vereinsheim sprechen von sich nur noch im Plural.Auch Andreas Carsten, der als Pressesprecher fungiert, sagt: "Wir sind kein Volk von Schlächtern und Aggressoren." Carsten ist Wirtschaftsberater.Und Serbe, weil seine Mutter Serbin und er sieben Jahre bei seinen Großeltern aufgewachsen ist, wo er ein Miteinander kennengelernt hat, das er in Deutschland nicht findet, meint er.

Zeljko Svetic wird als Zeuge für die Diskriminierung von Serben herangeholt.Er hat auf der von der PDS am Samstag veranstalteten Demonstration ein Plakat hochgehalten, auf dem "Clinton=Hitler, NATO=Nazis" stand.Brutal sei die Polizei gegen ihn vorgegangen, dabei sei Gleiches rund um die Welt behauptet worden, sagt Svetic.Er spricht leise, weil er ungeachtet der heftigen Worte auf dem Plakat ein sanftmütiger Mensch ist und weil er eine künstliche Herzklappe hat und sich nicht aufregen soll.Er wollte doch auch gar nicht deutsche Politiker oder das deutsche Volk beleidigen.

Warum haßt alle Welt die Serben? Die Amerikaner stehen dahinter, ist man sich einig.Natürlich seien die Serben im Kosovo keine Unschuldslämmer, sagt Carsten, um sofort die ungesühnte Vertreibung der Serben aus der Krajina zu beklagen.Und daß im Fernsehen immer Kosovo-Flüchtlinge im Schneetreiben gezeigt würden, obwohl es dort gerade 18 Grad warm sei.In die Diskussion fließen Argumente und Daten aus mehr als 1000 Jahren serbischer Geschichte ein, die jetzt in Bomben mündet: Es sei doch ein Krieg gegen das serbische Volk.

Wer und wo sind die Serben in Berlin? Der Soziologe Zlatomir PopovicÔzählt viele von ihnen als "abstrakte Serben", weil sie sich nicht dort befinden, wo sie physisch sind; er spricht von einem psychischen Belagerungszustand, in dem die Menschen hier leben.Am Sonntag abend versucht ein Mann zum Abschied noch einmal, sein Unverständnis über das, was in Jugoslawien und in Deutschland geschieht, in Worte zu fassen."So große Herzen wie wir Serben hat niemand auf der Welt", sagt er schließlich.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben