Politik : So isser, der Finne oder Der rote Hut (Glosse)

Clemens Wergin

Ein autofreier Sonntag macht noch keine staufreie Stadt. Und so werden sich die Römer auch heute wieder durch ihre nur pferdegerechte Stadt quälen und schimpfend und hupend ihrem Unmut Luft machen. Mein römischer Schwiegervater pflegt bei solchen Gelegenheiten alle greifbaren Heiligen zu verfluchen und sich so lange nach einem Schuldigen umzusehen, bis er ihn erspäht hat: "Eccolo, il vecchio con il cappello!" Er ist überzeugt, dass die Alten (Männer) mit Hut an allem Übel der Welt schuld sind, an Verkehrsstaus sowieso. Auch die italienische Sprache birgt da uraltes Wissen, geht doch das Wort für Mörder, "assassino", auf den "Alten vom Berge" zurück, der seine Assassinen von der iranischen Festung Alamut zu berüchtigten Mordkommandos aussandte. Dass es sich dabei um einen Alten mit Turban und nicht mit Hut handelte, geht auf Kosten der kulturellen Übersetzung.

Was in Rom der "Alte mit Hut" ist, heißt in staatstragenden und rechtschaffenen Kreisen wie denen um einen gewissen Herrn Kanther schlicht "die Roten", manchmal auch "die Sozis" oder "die Kommunisten". Und jetzt also das: die Finnen, die doch immer als Bollwerk gegenüber den Sowjets galten, haben eine "ehemalige Radikalsozialistin" zum Staatsoberhaupt gewählt. Nun haben wir nach dem Fall der Mauer ja eine Gewisse Debattenroutine erlangt bei der Frage, ob Sozialismus eine heilbare Krankheit oder ein Gen-Defekt ist. Stutzig macht aber die gebetsmühlenhaft in öffentlich-rechtlichen Radiosendern wiederholte Charakterisierung von Tarja Halonen als "ehemalige Radikalsozialistin und alleinerziehende Mutter". Galten doch Kinder, die noch weit nach ihrer Volljährigkeit bei Muttern wohnen, als italienisches Problem. Und nun dies: schon 56 Jahre alt und immer noch alleinerziehend. Und das auch noch in "wilder Ehe" (AFP) und mit kurzen roten Haaren.

Um uns konservative Mitteleuropäer nicht weiter zu verunsichern, meldeten die Radiosender weiter, dass in Finnland viele politische Ämter "von Frauen versehen werden" (so isser, der Finne) und dass dies ganz ohne Frauenquote erreicht wurde (da seht ihr mal, ihr Feministinnen). Ein schwedischer Journalist meinte, die "Zeit der Saunamauscheleien" sei nun vorbei. War die deutsche Mode, unter Androhung des Platzverweises nur splitternackt in gemischte Saunen gehen zu können, nicht aus dem libertinären Skandinavien gekommen? Warum sollten die Finnen liebgewonnene Gewohnheiten aufgeben, nur weil der Präsident weiblich ist?

Wenigstens der römische Teil meiner Familie kann beruhigt sein, dass sich hinter der "roten Tarja" nicht ein satanischer "Alter mit Hut" versteckt. Denn dpa weiß: "Die 56-jährige signalisierte bei der Stimmabgabe mit dem Tragen eines Golf-Käppis, dass sie nichts mit dem bisher in Finnland selbstverständlichen Erscheinungsbild männlicher Amtsträger am Hut hat."

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