Politik : So shoppen die europäischen Nachbarn

Für Shopaholics ist England ein Paradies, speziell für diejenigen, die zu ungewöhnlichen Tages- oder Nachtzeiten merken, dass ihnen etwas fehlt. Vor allem im Einzugsgebiet von London haben etliche Megafilialen von Supermarktketten sechs Tage in der Woche rund um die Uhr geöffnet. Wer nur Grundnahrungsmittel braucht, findet sie im nächsten "off-licence", wie die Geschäfte genannt werden, die man in Deutschland als "Tante-Emma-Läden" bezeichnet.

Aufgrund spezieller Regulierungen können sie praktisch öffnen, wann sie wollen. Sie sind auch mit ihren Preisen deutlich herunter gegangen, nachdem vor fünf Jahren die damalige konservative Regierung den "Sunday Trading Act 1994" verabschiedet hat und damit die Konkurrenz wuchs. Dieses Gesetz erlaubt es Geschäften, Supermärkten und auch Kaufhäusern, die nicht unter "off-licence" fallen, auch am Sonntag ihre Türen für sechs Stunden geöffnet zu haben. Aber sie müssen nicht öffnen, wenn sie nicht wollen. So bleibt, zum Bedauern vieler Touristen, der weltberühmte Londoner Konsumtempel Harrods mit Ausnahme der vierwöchigen Vorweihnachtszeit und einer Woche beim Sommerschlussverkauf am Sonntag geschlossen.



In Frankreich gehört der freie Sonntag zu den Errungenschaften der Revolution. Das Gesetz vom "18. Germinal des Jahres X" (1802) wurde 1923 präzisiert: Seither müssen im Prinzip auch Kaufhäuser und andere kommerzielle Geschäfte sonntags schließen. Allerdings sind Ausnahmen möglich, wenn "spezifische Zwänge des sozialen Lebens" dies erfordern. Diese Klausel wird in der Praxis sehr großzügig gehandhabt. So haben in ganz Paris am Sonntagmorgen die Bäcker, Fleischer und Käsehändler geöffnet. Die großen Kaufhäuser wie Printemps oder La Samaritaine bleiben zwar in der Regel geschlossen. Aus besonderen Anlässen (Schlussverkauf, Vorweihnachtszeit) erteilt die Pariser Präfektur aber Ausnahme-Genehmigungen. Großzügig wird der Ladenschluss zudem in touristischen Zonen wie den Champs-Elysées gehandhabt. Kaufhäuser, Plattenläden und Parfümerien haben auf der "schönsten Avenue der Welt" (Pariser Eigenwerbung) selbstverständlich auch sonntags geöffnet. Und für die Bewohner der "populären Quartiers" gibt es natürlich immer noch den "Araber um die Ecke", der auch am Sonntag bis spät abends Rotwein, Artischocken und Mousse au Chocolat verkauft.



In Italien sind die Regeln für den Ladenschluss wie so Vieles vielfältig, umstritten und trotz einer Reform immer noch kompliziert. Vor eineinhalb Jahren gab der damalige Regierungschef Romano Prodi als Reform-Motto aus: "Wir setzen auf Liberalisierung und nicht auf Wilden Westen." Als großzügiger Rahmen wurde festgelegt, dass ein Geschäft zwischen 7 und 22 Uhr bis zu dreizehn Stunden geöffnet haben darf.

Viele Einzelregelungen wurden im Zuge der Dezentralisierung den Kommunen und zwanzig Regionen anvertraut. Die Regionen legen beispielsweise die Touristen- und Kunststädte fest, wo es des großen Andrangs wegen noch freizügiger zugehen darf. Die Städte und Gemeinden bestimmen darüber, an welchen Sonntagen Läden ihre Waren anbieten und welche Einzelhandelsgeschäfte für den Bedarf der Nachbarschaft auch in Nachtstunden bereitstehen dürfen.

Liberalisierung und Dezentralisierung bestätigen auf hohem politischen und administrativen Niveau ohnehin nur die Dschungelhaftigkeit des Geschäftslebens, die den Ladeninhabern, Verkäufern und Kunden seit je viel Flexibilität und Findigkeit abverlangt. Eine Übersicht über die vielen Bestimmungen und Ausnahmen ist kaum zu gewinnen. Es gibt Orte, in denen man ohne weiteres noch nach Mitternacht Bücher oder am Sonntag CDs und Kleidung einkaufen kann. Wer daran gewöhnt ist, rennt in anderen Städten oft gegen verschlossene Türen.

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