Politik : So unkaputtbar

Wie gelingt der Sprung in die Gegenwart, wie bleibt man Traditionen treu und erschließt sich doch neue Kundschaft? Zum 250. Jubiläum der Königlichen Porzellan-Manufaktur.

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2013
2013

An den hinteren Tischen haben sich Geschäftsleute für eine Besprechung niedergelassen. Sie sind von den Bürohäusern herübergekommen, die in den vergangenen Jahren rundherum hoffnungsfroh aus dem Boden wuchsen. Rundherum um das Café KPM, das ebenfalls erst vor sechs Jahren als moderner, gläserner Anbau auf dem historischen Firmengelände entstanden ist. Doch wer sich hier zu einer Tasse Kaffee trifft, befindet sich in einer permanenten Zeitreise – vor und zurück –, die weit mehr als ein paar Jahre überspannt.

Im Café KPM trifft Vergangenheit Gegenwart, steht überbordendes Dekor neben modernem Design, kreuzt sich nostalgisches Gefühl mit straffem Management – und trinkt Theresa Haala hingebungsvoll ihren Cappuccino. Dann stellt sie mit einer gewissen Genugtuung ihre Tasse zurück auf den Unterteller, wobei ein feines, zartes Klirren erklingt, und freut sich über Zahlen. In Deutschland wird mehr Kaffee als Wasser oder Bier getrunken, 149 Liter pro Einwohner im vergangenen Jahr. Mal alle Kinder und Teetrinker herausgerechnet – was für ein Verbrauch! Das gefällt ihr. Berufsbedingt einerseits, denn Haala vertritt die Firma, auf deren historischem Gelände sie gerade im Café sitzt, nach außen, aber es trifft auch ihren persönlichen Geschmack. Am besten nämlich schmecke Kaffee aus dem Geschirr ihres Hauses: „Das lässt sich sogar testen.“ Der feine Rand, der gewisse Schwung der Tassenwand, die Konsistenz des Porzellans, all das spiele hinein beim Geschmack.

KPM. Drei Buchstaben, eine Firma, ein 250. Geburtstag – und ein Produkt: Porzellangeschirr. Folglich trinkt Theresa Haala ihren Cappuccino nicht nur aus irgendeiner Tasse, sondern aus einem Klassiker des Hauses, schlicht, weiß, rund und aus dem Service „Urbino“.

Lange Zeit sah es gar nicht gut aus für die Kaffeekultur, nicht in Berlin und anderswo. Pappbecher verdrängten Porzellan, Coffees to go den gedeckten Tisch. Seit einigen Jahren aber ist eine Trendwende zu verzeichnen, im ersten Halbjahr 2013 wuchsen die Erlöse der deutschen Porzellanmanufakturen um 3,7 Prozent, und schon denkt man bei KPM an Neuerungen: ähnlich wie Weingütern könnte es für Kaffee Verkostungen geben, sagt Haala.

KPM ist das älteste ununterbrochen bestehende Unternehmen Berlins. Kein anderes konnte sich durch die Zeitläufte halten, kein anderes markierte mit einem solchen Aplomb seinen Beginn: mit der Unterschrift Friedrichs des Großen unter dem Kaufvertrag, genau am 19. September 1763. Seine Erwerbung besaß einen durchaus eigennützigen Hintergrund, denn Porzellan galt damals als Renommierobjekt von höchstem Rang. Für jedes seiner Schlösser bestellte Friedrich II. ein eigenes Service, 21 insgesamt. Er selbst war sein größter Kunde. „Seyne Königliche Majestät haben den summarischen Kassenextrakt erhalten und dabei nichts als dass Allerhöchstdieselbe noch immer den stärksten Abnehmer der Manufaktur abgeben, zu erinnern gefunden“, kommentierte der König 1770 die Jahresbilanz. Mit ihm begann, was noch heute üblich ist: KPM-Geschirr als diplomatisches Geschenk. Zuletzt erhielt Barack Obama bei seinem Besuch ein Brandenburger Tor aus Porzellan, seine Frau Michelle eine Vase mit Mohnblüte darauf. Von der Auftragslage unter dem alten Fritz aber ist das Unternehmen heute weit entfernt. Und so erinnert man sich bei KPM des glorreichen Beginns besonders gern. Friedrichs II. schwungvolle Signatur auf dem Kontrakt setzt den Jubiläumstermin der Königlichen Porzellan-Manufaktur, der mit gleich fünf Ausstellungen gefeiert wird – im Hause selbst, im Schloss Charlottenburg, im Bröhan-Museum, im Bauhaus-Archiv und im Keramik-Museum.

Der Beginn war nicht eben leicht. Friedrich II. erwarb ein eher glückloses Unternehmen, das erst zwölf Jahre zuvor Wilhelm Caspar Wegely im Kommandantenhaus am Königstor gegründet hatte. Das Privileg für die „Manufacture de porcelaine de Berlin“ hatte der Wollzeugfabrikant noch vom König selbst empfangen. Doch schon sechs Jahre später gab er wieder auf. Nochmals zwei Jahre später wagte der Kaufmann Johann Ernst Gotzkowsky einen neuen Anlauf in den erhalten gebliebenen Einrichtungen der Manufaktur, ebenfalls ohne Erfolg. 1763 verkaufte er sie an den preußischen König für 225 000 Reichstaler. Seine „Aechte Porcelaine Fabrique zu Berlin“ befand sich nun an der Leipziger Straße 4, wo Ende des 19. Jahrhunderts das Preußische Herrenhaus entstehen sollte. Die Folge: ein letzter Umzug 1871 an den heutigen Standort am Rande des Tiergartens.

Vor allem aber nahm Friedrich II. eine weitere Umbenennung vor, nun in Königliche Porzellan-Manufaktur. Die Porzellane wurden fortan mit dem kobaltblauen Zepter aus dem kurfürstlich-brandenburgischen Wappen markiert – neben dem Namen blieb es ebenfalls dabei, wenn auch mit minimalen Abwandlungen. Die letzte Veränderung im Signet geht auf den Berliner Bankier Jörg Woltmann zurück, der das Unternehmen 2006 für 13,5 Millionen Euro erwarb, da stand es kurz vor dem Ende.

Sieben Könige und Kaiser hat das Haus erlebt, die Weimarer Republik, die Nazizeit hinter sich gebracht und schließlich in der Bundesrepublik den Berliner Senat als Eigentümer überstanden. Woltmann rettete die Manufaktur vor der Insolvenz, nachdem in den 90er Jahren die Verluste in Millionenhöhe geklettert waren. Die nacheinander berufenen Geschäftsführer wussten alle nicht, sich der Importe aus Asien und der seit Mauerfall neuen Konkurrenz aus Meißen zu erwehren – eine Folge der ruhmreichen Vergangenheit, in der es keine wirtschaftlichen Zwangslagen gab. KPM galt vor allem als Prestige-Unternehmen für die Stadt. Woltmann nahm das Zepter sichtbar wieder in die Hand, indem er sich der ursprünglichen Stempelform besann – ein Gruß durch die Zeiten an den königlichen Gründer, denn mit ihm befindet sich das Unternehmen wieder in Privatbesitz. Der Querstrich in der Mitte des Zepters kehrte zurück.

Und wenn sich an Namen oder Stempel ein wenig verändert hat, blieb sich die Herstellung völlig gleich: höchst aufwendige Handarbeit, jede Tasse, jedes Schälchen geht durch mehrere Hände, durchläuft die noch immerselben Prozesse. 170 Menschen arbeiten heute hier, formen, gießen, brennen, malen, glasieren, polieren das zerbrechliche Gut, von dem manches mit einem dann eher groben Klirren in einer Kiste landet, wenn es die Kontrolle nicht passiert. Das war schon immer so. Der Klang ist geblieben, ebenso der Geruch und die weiche, seidige Konsistenz der sogenannten Masse, bevor sie beim Brand gehärtet wird.

Wer heute den Raum für die Masseanfertigung betritt, dort wo die Rohstoffe Kaolin, Feldspat und Quarz gelagert sind, dem steigt ein muffiger Dunst in die Nase wie vor 250 Jahren. Die Zusammenstellung der Ingredienzen ist für Chemiker heute leicht zu enträtseln. Aber noch immer nennt sich die Rezeptur mysterienumwoben „Arkanum“ (Geheimnis), die sich von Manufaktur zu Manufaktur unterscheidet. Damit aus der Masse, die nach monatelangem Lagern und Durchfeuchten erst ihre Geschmeidigkeit erhält, die richtige Form entsteht, braucht es das perfekte Gipsmodell, eine weitere Station im Entstehungsprozess des Porzellans. Überall im Hause finden sich die Gipse verteilt, auf Brettern, Regalen, gesichert hinter Gittern. Sie bilden den entscheidenden Ausgangspunkt für die Vasen, Schalen, Figurinen. Wer einmal ein KPM-Service erworben hat, besitzt zeitlebens das Recht nachzubestellen.

So warten seit Friedrichs Zeiten Tausende von Mutterformen auf ihr Comeback, es könnte ja noch einmal jemand fragen. Aus bis zu 80 Teilen kann ein Werk bestehen, diesen Rekord hält Schadows Prinzessinnengruppe. Wollte man sie nach 200 Jahren bei KPM wieder ordern, wäre auch das kein Problem. In der Manufaktur bewegt man sich leichtfüßig durch die Zeiten, die porzellanene Büste des Alten Fritz im Entree verkörpert diese geistige und handwerkliche Mobilität. Auch die Dekormalerei lässt sich jederzeit revitalisieren, die Musterbücher liegen bereit. Blumen, Veduten, Porträts, Staffagefiguren von einst entstehen in Vollendung neu und doch jedes Mal leicht variiert auf dem glatten weißen Grund, als hätte es die Revolutionen der Kunst nie gegeben und existierten all die Rüschenkleider und Steckfrisuren noch draußen vor der Tür wie vor 250 Jahren.

Doch wie gelingt der Sprung in die Gegenwart, wie bleibt man seinen Traditionen treu und erschließt sich doch eine Kundschaft neu? Über dieser Frage brütet Thomas Wenzel sein Berufsleben lang. Er ist der Designer bei KPM und hat sein Domizil unter dem Dach, mit viel Luft und Licht zwecks Beförderung neuer Ideen. Entwurfsskizzen hängen an den Wänden, Prototypen stehen auf den Tischen. Hier wird permanent ausprobiert und weiter gedacht. Doch für das Jubiläumsservice kehrte Wenzel zu dem bekanntesten Produkt des Hauses zurück, dem „Kurland“-Service, dessen Entwurf aus dem Jahr 1790 stammt. Der Haus-Gestalter veränderte das Erscheinungsbild dieses wahren Flaggschiffs nur geringfügig, als wollte er die Philosophie des Unternehmens visualisieren: Veränderung ja, aber bitte nur ganz wenig.

Das klassizistische „Kurland“-Design blieb, wie es ist. Nur wurde vom Rand die Glasur entfernt, so dass sich das ansonsten glänzende Porzellan in der Bordüre als Biskuit präsentiert. Das feine Relief tritt damit deutlicher hervor, und auch am Mund wird es spürbar, wenn man aus der Tasse trinkt. Ein wenig rau fühlt sich die Oberfläche an, ins Grau changiert die Farbe. Gewiss, damit wird ein eher konservativer Geschmack bedient, aber die Marketingabteilung hat zur Vorsicht gemahnt: Bei einem neuen Service besteht immer die Gefahr, dass sich die Produkte gegenseitig kannibalisieren. Das Interesse an einer Linie fällt ab, die Käufer beginnen sich umzuorientieren. Gewonnen ist damit wirtschaftlich nichts, nur die Angebotspalette geht in die Breite.

Wenn man Wenzel danach fragt, ob es ihn nicht doch reizt, ein neues Service zu entwerfen, statt nur Details zu modifizieren, wiegt er vage den Kopf. Trude Petris Service „Urbino“ sei eigentlich nicht mehr zu verbessern – ein „Schlachtschiff“, wie Wenzel es scherzhaft nennt. Die Designerin schuf es 1931 im Geist der Neuen Sachlichkeit, erst 15 Jahre später wurde es auch auf dem Markt ein Erfolg. Die Form entstand auf der Basis des Kugelschnitts, kreisrund und klar, was vor allem bei Architekten gut ankommt. Zunehmend wird der Klassiker auch von einem jüngeren Publikum gekauft, das die Tischkultur neu für sich entdeckt.

Thomas Wenzel begeistert sich für den großen Wurf seiner Vorvorgängerin im Amt, als wäre damit alles ausgereizt. Und doch sprechen die Zeichnungen an der Wand eine andere Sprache. Zahllose Blätter mit Tassen sind dort zu sehen, deren Henkel mal keck in die Höhe ragen, mal brav zum Bogen werden. Offensichtlich tut sich etwas in seinem Atelier. Nur will er es nicht verraten. Die Entwicklung eines neuen Geschirrs dauert fast zwei Jahre, bis der Prototyp Perfektion erlangt hat – für ein mittelständisches Unternehmen eine teure Angelegenheit.

Ein neues Geschirr, das ist die Königsdisziplin jeder Manufaktur. Wenzel hat den mühsamen Prozess schon einmal miterlebt, als Enzo Mari 1996 für KPM das Service „Berlin“ entwarf. Er gehörte damals zur Meisterwerkstatt, die der Mailänder Star-Designer vorübergehend in der Wegelystraße gegründet hatte. Sämtliche Grundformen wurden durchprobiert, doch alle waren schon belegt, für jede gab es ein Patent. Fündig wurde das Team zuletzt im Altertum, wo es auf die archaische Kelchform stieß und deren Prinzip der konkaven und konvexen Rundungen entlieh. Im Schnitt wirken die Tassen und Teller nun wie Kelchblüten, die sich öffnen. Der kleine irrationale Moment von „Berlin“ kommt durch die Henkel hinein, die sich nicht wie üblich nach oben, sondern unten krümmen. Dieser Clou ergab sich erst zum Schluss, als nur noch die Kanne fehlte. Einst zentraler Bestandteil jeder Kaffeetafel, ist sie heute fast vom Tisch verbannt, seit Kaffeemaschinen in den Haushalten Einzug gehalten haben. Beim Service „Berlin“ wirkt die Kanne nun wie ein künstlerisches Objekt, ein dekoratives Element.

Solch kreativen Eigensinn holte sich das Unternehmen schon immer gern ins Haus, zumal an einem Standort wie Berlin, wo Künstler als Kulturbotschafter der Stadt gelten. Im 19. Jahrhundert lieferten Johann Gottfried Schadow, Christian Daniel Rauch und Karl Friedrich Schinkel die Entwürfe, im 20. Jahrhundert vor dem Zweiten Weltkrieg wurden Gerhard Marcks und Ludwig Gies gefragt, später schufen Maler wie Bernd Zimmer, Elvira Bach und Emil Schumacher Sondereditionen für Liebhaber und Sammler. „Künstler arbeiten losgelöster“, so KPM-Designer Wenzel ohne Neid. „Sie müssen sich nicht in ein Unternehmen hineinversetzen und der Formensprache unterordnen.“

Wer den „Modern Living“-Bereich der Manufaktur besucht, mit dem der Rundgang durch die Ausstellung in der historischen Ofenhalle schließt, bekommt eine Ahnung, was mit dem Material noch zu machen ist, wenn es nicht als Geschirr oder Vase dienen muss. Von Yvonne Lee Schultz wird eine Pistole aus feinstem Porzellan mit spielerischem Blumendekor präsentiert, die präzise Nachbildung einer Walther PPK. Von André Fischer stammen die Zeitgeist-Toys, White- Knight-Figuren, die eine Kreuzkerbung im Gesicht tragen. Das Fotokünstlerpaar Anna und Bernhard Blume ließ einfach die Begriffe „gut“, „wahr“, „und“, „schön“ in schwarzen Lettern auf „Urbino“-Teller drucken. Eine ironische Volte zwar und doch der beste Beleg für die Wertbeständigkeit des Porzellans auch in der Gegenwart.

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