Politik : So weit der Westen, so nah der Osten

IRAK-STREIT MIT DEN USA

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Von Bernd Ulrich

Es ist nicht sicher, ob man sich bei Brooks Brothers überhaupt für die deutschamerikanischen Beziehungen interessiert. Jedenfalls können die eleganten Verkäufer des berühmten amerikanischen Herrenausstatters zurzeit recht gut beurteilen, wie wenig gelitten deutsche Politiker in den USA sind. Joschka Fischer bekam vor einer Woche so wenig Termine, dass er Zeit genug hatte, sich dort Hemden zu kaufen. Und auch bei Peter Struck, der heute über den so breit gewordenen Atlantik fliegt, steht zu befürchten, dass er mehr als genug Gelegenheit hat, bei Brooks Brothers vorbeizuschauen. Sodann wird von Bedeutung sein, wie ihm sein Amtskollege Rumsfeld die Hand gibt oder ob er ihm auch den Unterarm drückt. Weiterhin von höchstem diplomatischen Rang ist, wie der Bundeskanzler, der von George W. Bush immer noch keine Glückwünsche zu seinem Wahlsieg erhalten hat, dem US-Präsidenten zu dessen Wahlsieg gratuliert. Und so weiter.

Es ist wie bei Hofe. Der amerikanische König ist beleidigt (zu Recht), und der deutsche Fürst befindet sich im Stadium der Ungnade (zu Recht). Aber irgendwann, eher bald, muss es auch gut sein. Immerhin geht es um was, um Krieg, Terrorismus, die Neuordnung des Mittleren Ostens. Da überdecken die byzantinischen Verrenkungen zwischen dem Weißen Haus in Washington und dem weißen Haus gegenüber dem Reichstag den weit wichtigeren strategischen Gegensatz zwischen den USA und Europa.

Hier herrscht die Meinung vor, der terrorträchtige Mittlere Osten könne nur befriedet werden, wenn im Nahen Osten endlich Vernunft einkehrt, wenn Israelis und Palästinenser in zwei Staaten leben können. Dabei würde der massive Einsatz von Militär im Irak schaden. In der US-Administration glaubt man eher das Gegenteil: Der kleine Landstreifen zwischen Mittelmeer und Jordan konnte seit einem halben Jahrhundert nicht zum Frieden gebracht werden, weil der ganze Hass der arabischen Welt, weil Geld und Propaganda in den israelisch-palästinensischen Konflikt gepumpt wurden. Also kann der Nahe Osten erst zur Ruhe kommen, wenn der Mittlere Osten zuvor in allergrößte Unruhe, in Umsturz und Wandel gestoßen wird. Dafür allerdings muss man eine Menge Militär aufbieten.

Diese gegensätzlichen Strategien sollen nun in eine gemeinsame UN-Resolution gepresst werden. Kein Wunder, dass sich die Angelegenheit so hinzieht. Kein Wunder aber auch, dass diese Gemeinsamkeit sogar von der US-Regierung, selbst nach dem Wahlsieg der Rechten gesucht wird. Denn die Europäer können den Nahen Osten natürlich nicht ohne Amerikaner aus dem Wahnsinn befreien. Doch übersteigt es, auf der anderen Seite, auch die Kräfte und die mentale Bereitschaft der Amerikaner, einen Nachkriegs-Irak nachhaltig zu stabilisieren.

Das ist die Pokerpartie: Die Europäer sagen nicht verbindlich zu, dass sie nach einer überwiegend amerikanischen Intervention im Irak mit eigenen Truppen für Ordnung sorgen werden. Und die Amerikaner tun seit Monaten so, als ginge sie der Nahe Osten nichts an. Wahrscheinlich wird die US-Administration diese Pokerpartie gewinnen, nicht weil sie die besseren Karten hätte oder geschickter bluffen könnte, sondern weil sie jederzeit willens und in der Lage ist, den Spieltisch umzuschmeißen, will sagen: doch zu intervenieren und darauf zu setzen, dass die Europäer sich an der Beseitigung des dann ausbrechenden Chaos werden beteiligen müssen, schon weil sie näher an der Krisenregion dran sitzen.

Darüber wird sich auch Peter Struck, jenseits aller deutsch-amerikanischen Kabale seine Gedanken machen. Während er sich ein paar neue Hemden kauft.

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