Politik : So wurde ein Schuh draus

Salvatore Ferragamo hat mit Pumps und Plateausohlen Wunder vollbracht und ein Imperium geschaffen. Ein Familienimperium. Das existiert noch heute. Nun in der dritten Generation. Handel ohne Wandel.

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1954
1954

Wie Kronjuwelen sind die Schuhe aufbewahrt, in fein ausgeleuchteten Vitrinen, dicht an dicht. Da sind Pumps mit Keilabsatz aus Fischhaut in Lachsrosa, Plateauschuhe mit goldfarbenem Mosaik und Sandaletten geschnürt aus Angelschnur. Nichts davon sieht nach Museum aus, und doch ist manches in diesem Gewölbe mehr als 80 Jahre alt.

Es liegt im Keller unter dem Palazzo Spini Feroni, dem Stammsitz des Modeimperiums von Ferragamo mitten in Florenz. In dessen Erdgeschoss präsentiert ein großer und vielfach verwinkelter Laden alles, was Ferragamo herstellt, Taschen, Gürtel, Kleider – und vor allem Schuhe. Sie sind das Rückgrat des Imperiums, und die Modelle in den Kellervitrinen werden zu Recht aufbewahrt wie Kronjuwelen, denn sie begründen ein Königreich. Und oben in den höheren Etagen des Palazzo sind die Nachfahren des 1960 gestorbenen Königs Salvatore Ferragamo damit beschäftigt, dem Erbe des begabtesten Schuhmachers aller Zeiten gerecht zu werden.

Dass ihnen das recht gut gelingt, liegt daran, dass sie den König König sein lassen, auch noch lange nach seinem Tod. Ferragamos Erben versuchen erst gar nicht, seine Modelle durch neue außergewöhnliche Kreationen in den Schatten zu stellen. Stattdessen bringen sie jede Saison vor allem klassische Modelle heraus und legen die historischen in kleinen Stückzahlen neu auf. 590 Euro kosten elegante Schnürschuhe aus braunem Veloursleder mit Keilabsatz, wie sie 1949 für Greta Garbo gemacht wurden. „Ich habe keine Schuhe“, hatte sie zu Salvatore gesagt, „aber ich möchte laufen.“ Sie blieb nicht der einzige berühmte Name auf seiner Kundinnenliste. Marilyn Monroe kaufte sich ihre ersten Schuhe von Ferragamo bei Saks in der Fifth Avenue in New York. Auch Audrey Hepburn ließ sich von ihm Schuhe an den zarten Fuß anpassen.

Nur je ein paar dieser berühmt gewordenen Modelle werden pro Saison neu aufgelegt, eine kleine goldene Nummer ist im Inneren eingeprägt. Das Fundament für diesen ehrerbietenden respektvollen Umgang mit seinem Erbe legte Salvatore Ferragamo bereits selbst.

„Es ging eigentlich immer um Leder. Als ich zehn Jahre alt war, ging ich am späten Nachmittag zu meinem Vater. Wir warteten auf ihn, damit er uns mit nach Hause nimmt“, sagt Giovanna Gentile, seine zweitälteste Tochter. Die 69-Jährige ist Vizepräsidentin des Unternehmens. Sie sitzt am Kopfende des großen Besprechungssaals; die vielen goldenen Schmuckstücke klimpern an ihrem Arm, als sie mit der Hand zur Tür zeigt, als sei er dort zu erwarten.

In der Tat sieht der Palazzo, den Salvatore Ferragamo 1937 kaufte, aus wie einst. Und es würde kaum wundern, wenn der Maestro gleich aus der Tür der kleinen Kapelle käme, sich den Anzug glatt striche, der vom Knien vor dem kleinen Altar ein wenig zerknittert ist. So wie die steinernen Treppenstufen von unzähligen Schritten schiefgetreten sind, liegt auch in den Fluren und den holzgetäfelten Sälen ein nostalgischer Staubschimmer. Viele der Räume hier werden nur betreten, um sich zu erinnern. „Da arbeiteten eine Menge Leute, gleich im Raum nebenan. Frauen setzten Schuhe zusammen und bestickten das Leder. Ich habe es geliebt, ihnen zuzuschauen: all die Materialien! Der Geruch des Leders war sehr stark und auch der des Klebers, der Sohle und Oberleder zusammenhält – ich liebe diesen Geruch. Ich weiß, er ist nicht gesund, aber er ist großartig!“

Salvatore Ferragamo erzählte zu Hause viel über seine Arbeit, Geschichten aus seiner Jugend. Er wollte auf keinen Fall, dass seine Kinder verzogen würden. „Wir hatten ein wunderschönes Haus, wirklich alles, was wir brauchten“, sagt Giovanna Gentile. „Aber er hat mit nichts angefangen. Er wollte nicht, dass wir zu nachlässig mit dem umgingen, was er erreicht hatte.“

Bei den Ferragamos gab es beide Seiten: Glamour und Arbeit. „Wir wurden immer überprüft, ob wir fleißig in der Schule sind. In unserer freien Zeit durften wir nicht etwa faul sein, er hat uns immer gedrängt, etwas mit unseren Händen zu tun.“ So ließ er für seine beiden Töchter zwei kleine Beete im Garten anlegen, genau gleich groß. Giovanna und ihre ein Jahr ältere Schwester Fiamma pflanzten Veilchen an. „Wir waren so stolz darauf, dass sie wuchsen. Wir haben uns gegenseitig beobachtet. Ich war immer in Konkurrenz zu meiner Schwester. Es hat uns eine Menge Befriedigung gegeben, und das macht einen groß.“

Als Giovanna 17 Jahre alt war, starb ihr Vater. Die drei jüngeren Geschwister waren zwischen zwei und 15 Jahre alt. Ihre Mutter Wanda übernahm die Geschäfte. „Als er starb, war er der Einzige in der Familie, der in der Firma arbeitete. Wir sollten ihm folgen und mit dem anfangen, was uns lag. Was wir erreicht haben, kam Schritt für Schritt. Wir wollten wachsen, aber nicht zu schnell. Wir folgten immer seinem Design.“ Jetzt, so lange nach dem Tod des Patrons, kann man sagen: Es war gut, dass er so früh starb. So hinterließ er viel Freiraum. Er hatte nur Schuhe gemacht, aber alles andere wollte er auch: Taschen, Gürtel, Kleider und Parfüm. Genug Produkte, die man unter den Kindern aufteilen konnte. Heute gibt es auch Hotels, eine Werft, eine Marina, ein Weingut.

Giovanna Gentile hat ihren Auftrag schon mit elf Jahren von ihrem Vater bekommen. Nach der Schule kam sie immer in den Palazzo Spini Feroni. Der Vater hatte ihr einen Raum eingerichtet, in dem sie zusammen mit einer Schnittmeisterin übte, wie man Kleider entwirft. Sie erzählt es nüchtern, nicht so, als sei es für sie ein Kleinmädchentraum gewesen, sondern einfach eine Arbeit, die getan werden musste. Ein Jahr vor dem Tod des Vaters zeigte sie ihre Entwürfe zum ersten Mal im Plaza Hotel in New York. „Mein Vater war sehr stolz auf mich.“ Noch heute ist sie verantwortlich für die Ready-to-Wear-Kollektion, auch wenn es heute einen Kreativdirektor gibt, der die Linien betreut und für ein einheitliches Bild sorgt.

Die Ferragamos wissen also um ihr Erbe, und das hält die Familie zusammen. So ist es auch bei den Etros mit ihrem bunten Paisleymuster, bei den Missonis mit ihrem Zick-Zack-Strick und bei Armani; da ist der Patriarch selbst das Markenzeichen. In keinem anderen europäischen Land funktionieren Familienunternehmen so lange so gut, auch noch in der dritten Generation. Mehr als 90 Prozent der rund 300 000 italienischen Unternehmen sind in Familienhand. Am besten zeigt sich das bei den Modehäusern, die lassen sich gerne bestaunen.

Dabei hat das Mannheimer Institut für Wirtschaftspolitik Italien erst Anfang 2013 als schlechtesten Standort für Familienunternehmen in Europa ausgemacht: zu viele Regulierungen, zu hohe Steuern und Arbeitskosten. Die unsichere politische Situation verzögert bereits seit Längerem Entscheidungen, die daran etwas ändern könnten. Giovanna Gentile seufzt, wenn sie an die Schwierigkeiten denkt, die ihre Firma im eigenen Land hat. Aber genau das wollte ihr Vater: Handwerk in Italien.

Auch in Deutschland sind Familienunternehmen wichtig für die Wirtschaft, etwa 70 bis 80 Prozent der Firmen sind in Familienbesitz. Aber hierzulande wird das oft eher problematisiert als glorifiziert. Hier ist Familie anders als in Italien eher ein leidiger Umstand, von dem man sich schleunigst distanzieren sollte, wenn man groß genug ist. Viele Unternehmen scheitern so schon bei der Übergabe an die zweite Generation. Da stehen sich persönliche Prinzipien und Familientradition unvereinbar gegenüber.

Diese Probleme gab es bei Ferragamos nicht. „Der Einzelne ist nicht entscheidend. Der eine beschützt den anderen. Bei uns ist auch nicht alles wunderbar, aber das ist nicht der Punkt: Du denkst nicht an dich und deine Rechte, sondern an deine Familie“, sagt Giovanna Gentile. Für sie ist es vollkommen selbstverständlich, dass sie zusammen mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter Tür an Tür arbeitet. „Tradition“, sagt Giovanna Gentile und lächelt. Tradition hält die Familienunternehmen zusammen, und in den letzten Jahren ist diese Unternehmensform wieder zeitgemäß geworden. Typisch für das System „La Famiglia“ ist, dass man so lange um eine Entscheidung ringt, bis sie einstimmig fällt. „Wir treffen uns immer und immer wieder, bis wir einer Meinung sind, wir stimmen nie ab“, sagt Giovanna Gentile.

Die Zahlen geben dem Konzept recht. Im vergangenen Jahr machte die Firma 1,15 Milliarden Euro Umsatz und 106 Millionen Euro Gewinn, 2011 ging es an die Mailänder Börse. Das Vermögen der Ferragamos wächst wie die Familie selbst. Inzwischen arbeiten mehr als 20 Familienmitglieder hier. Der Boss ist der älteste Sohn Ferruccio. Mutter und Witwe Wanda ist die graue Eminenz.

Was noch vor ein paar Jahren konservativ und verstaubt wirkte wie ein unbewegliches und nach außen verschlossenes System, ist jetzt zu einem Vorteil geworden: die regionale Nähe zur Produktion, langsames Wachstum, keine schnellen Strategieänderungen, treue Mitarbeiter, die über große Kenntnisse verfügen, und das Wissen darum, was man kann.

Für die Ferragamos ist Salvatore ein Held, der mit seinen Schuhen Wunder vollbracht hat. Es gibt viele Fotos von ihm im Haus: ein Bauernsohn mit breitem Schädel, untersetzter Statur und offenem Blick. Meist hält er den Fuß einer berühmten Schauspielerin in der Hand oder kauert auf dem Boden und schaut mit zusammengekniffenen Augen auf die gerade anprobierten Schuhe.

Seinen ersten Ruhm brachte er aus Amerika mit, wo er als 15-Jähriger mit dem Schiff in Boston ankam. Dort lernte er Schuhmachermaschinen kennen, die Schuhe in ein paar Minuten zusammensetzten und nicht wie er in einigen Stunden. Er hasste diese Maschinen, er wollte schöne Schuhe mit den Händen machen.

In seiner Biografie schreibt er, dass er wohl schon in seinem vorherigen Leben Schuster gewesen sein musste – nie wollte er etwas anderes sein, er wusste immer schon alles oder lernte es mit dem ersten Ausprobieren. Schon als kleines Kind im Dörfchen Bonito südlich von Neapel stahl er sich in die Schuhwerkstatt des Nachbarn Luigi Festa und schaute ihm bei seiner Arbeit zu. Seine Eltern, beides arme Landarbeiter, waren entsetzt. Dass Salvatore Schuhmacher werden würde, kam auch für sie nicht in Frage: In Italien gab es keine umrühmlichere Beschäftigung, als Schuhe zu flicken.

Salvatore wurde 1898 als elftes von 15 Kindern geboren. Mit neun Jahren verließ er die Schule, denn es gab keine in Bonito, die ihn weiter hätte unterrichten können. Sein großer Tag kam, als er der Familie half, Schande abzuwenden. Seine Schwestern hatten keine weißen Schuhe für die Kommunion. Salvatore schlich zu Luigi Festa, der gab ihm, was er brauchte: festes Segeltuch, Pappe, Heftzwecken, Kleber. Er hämmerte, schnitt, bog und klebte die ganze Nacht, so wie er es jahrelang beobachtet hatte. Am nächsten Morgen trugen die Ferragamo-Schwestern in der Kirche neue Schuhe, und seine Eltern waren zum ersten Mal stolz auf ihren Sohn. Kurze Zeit später begann Salvatore seine Lehre bei Luigi Festa.

Bevor er zehn Jahre alt wurde, konnte er alle nötigen Handgriffe. Und er begann, die Schuhe für die feinen Damen, die Signore, zu fertigen. Er selbst ging immer noch barfuß. Mit elf Jahren eröffnete er seinen ersten Laden neben der Küche seiner Mutter. Abends spielte er mit den Kindern im Dorf. Da war sein Vater seit einem Jahr tot, er musste sich um die Mutter kümmern. Bald tragen alle Signore aus dem Dorf seine Schuhe. Als sein Bruder aus Amerika zu Besuch kommt, drängt der ihn, dort zu arbeiten. Salvatore folgt ihm, bleibt 15 Jahre, eröffnet ein Geschäft in Hollywood, macht Schuhe für die Filmstars. 1927 kehrt er für immer nach Italien zurück, er lebt von nun an in Florenz. 1940 heiratet der Schuhmacher ein Mädchen aus Bonito.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Italien schnell zum Marktführer für Luxusschuhe, vor dem Krieg waren die USA der größte Schuhhersteller gewesen. All die kleinen italienischen Manufakturen konnten kleinere Mengen hochwertiger Schuhe herstellen, viele von ihnen hatten ihren Sitz rings um Florenz. Heute ist Ferragamo der größte italienische Exporteur von teuren Schuhen.

Und die Familie ist so groß geworden, dass das Mitarbeiten im Familienbetrieb inzwischen geregelt werden musste. Vor 20 Jahren haben die Geschwister und Wanda einen entsprechenden Vertrag aufgesetzt. Der formuliert strenge Regeln für die vielen Kinder, Enkel und Urenkel, wenn sie in der Firma arbeiten wollten.

Das größte Pfund der Modefirma Ferragamo ist aber Geschichte des Gründers. Vaters, Großvaters, Urgroßvaters. Die Nachfahren können auf die Anstrengungen der Modemarketingbranche verzichten, die sich ein „Heritage“ ausdenkt, die Ortsnamen und Jahreszahlen auf Pullover druckt, um eine Marke zu verorten und deren Produkte zu verkaufen. Die Ferragamos müssen sich nichts ausdenken, es ist alles da: Wer würde schon die Geschichte eines elf Jahre alten Jungen glauben, der der beste Schuhmacher der Welt ist, wenn sie nicht wahr wäre?

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