Politik : „Sohn von Joseph, Bruder von Jesus“

Ein französischer Forscher glaubt, den ältesten Hinweis auf den Sohn Gottes entdeckt zu haben – die Inschrift auf einer Grabkiste

Anja Kühne

Eine unscheinbare Kiste mit kaum lesbaren Buchstaben versetzt die Welt der Archäologie in Aufregung. Könnte es sich um den bisher ältesten Hinweis auf die historische Person Jesus handeln? Das behauptet jedenfalls André Lemaire, Wissenschaftler an der Pariser Universität Sorbonne, in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Biblical Archaeology Review“. In dem Knochenkasten aus rauhem Kalkstein, der an einen kantigen Brotlaib erinnert, wurden vermutlich vor fast 2000 Jahren die Gebeine eines Toten bestattet. Auf der einen Seite sind in aramäischer Sprache Buchstaben geritzt, die wie eine fast verblasste Narbe aussehen: „Ya’akov bar Yosef akhui di Yeshua“ – „Jakob, Sohn von Joseph, Bruder von Jesus“.

Lemaire geht davon aus, dass derjenige Jakob gemeint ist, der mehrfach im Neuen Testament als Bruder Jesu erwähnt wird. Etwa im Jahr 63 soll Jakob zu Tode gesteinigt worden sein. Bislang galt als älteste Erwähnung Jesu ein Papyrus-Fragment in griechischer Sprache aus dem Jahr 125. Lemaire hält den Kasten, ein so genanntes Ossuar, für echt. Zwar hat Lemaire berechnet, dass etwa 20 Jakobs in Jerusalem einen Joseph als Vater und eine Jesus als Bruder gehabt haben dürften. Doch hält er es für überaus wahrscheinlich, dass die Inschrift sich auf Jesus von Nazareth bezieht. Es sei überhaupt nur dann üblich gewesen, den Bruder des Toten zu erwähnen, wenn dieser prominent gewesen sei.

In der Fachwelt gilt Lemaire als seriöser Wissenschaftler. Dennoch reagierten einige Kollegen zurückhaltend. Eine Fälschung der Kiste sei zwar nicht wahrscheinlich, aber auch nicht völlig auszuschließen. Vor allem fehle der Kontext, in dem Archäologen ihre Funde normalerweise analysieren und einordnen, hieß es. Die Kiste wurde vor Jahren von Plünderern im Süden Jerusalems gefunden und an einen Antiquitätenhändler verkauft. Hier erwarb sie vor 15 Jahren ein israelischer Sammler, der anonym bleiben will. Angesichts dieser Probleme sagte zum Beispiel Joseph Fitzmyer von der Catholic University of America über die These Lemaires: „Sie ist möglich, aber ich zögere zu sagen: wahrscheinlich.“

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