Politik : Solidarität – mit uns selbst

DEUTSCHE TERROROPFER

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Von Christoph von Marschall

Haben wir Deutschen Mitgefühl mit uns selbst? Fühlen wir uns als Nation angegriffen, wenn Terroristen draußen in der Welt Deutsche ermorden? Die Beteiligung am Kampf gegen den Terror wird vor allem unter dem Etikett „Solidarität mit Amerika“ debattiert – als hätten die Terroristen uns jedenfalls nicht im Visier. Und wenn doch? Die Frage, ob wir uneingeschränkte Solidarität mit uns selbst üben, ob wir sie empfinden und danach handeln, wird nicht einmal laut gestellt. Vielleicht ändert sich das durch den Anschlag auf Bali, den dritten schlimmen Terrorakt innerhalb von nur dreizehn Monaten, bei dem Deutsche schwer verletzt oder getötet wurden.

Nach dem Angriff auf New York und dem Brandanschlag auf die GhribaSynagoge in Djerba hatte sich die Gesellschaft noch gesträubt gegen diese Ahnung – die ja eine Zumutung enthält: Das gilt auch uns. Sie hat sich versteckt hinter dem Zufall, dass gerade ein paar Deutsche dort waren. Und damit getröstet, dass wir gar nicht direkt gemeint sein können: wir Deutsche, die wir nach dem Krieg gelernt haben, einfühlsam und hilfsbereit mit Konflikten auf der Erde umzugehen. Wir sind nicht zu solch einem Feindbild geworden wie die Amerikaner. Weshalb wir uns auch nicht verteidigen müssen, sondern höchstens anderen dabei helfen.

Fragwürdig war das schon am 11. September. Der Angriff auf die USA war ja zugleich der schlimmste Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik. In Djerba waren unter den 19 Opfern 14 Deutsche – und eine Spur führte hierher. Dennoch gab es eine Scheu, diese nationale Betroffenheit auszusprechen. Die Angehörigen der deutschen Opfer im World Trade Center wunderten sich, dass Amerikas Regierung ihnen Kondolenzbriefe schrieb, nicht aber die deutsche. Ihre Klage fand kaum Widerhall.

Manche wollen auch diese Zurückhaltung mit der Geschichte erklären. Mit dem Selbsthass nach den Nazi-Verbrechen, der die Deutschen hindere, sich zu ihren eigenen Toten zu bekennen. Der Unfähigkeit zu trauern. Der Furcht vor inszeniertem Pathos. Und, ist es nicht sogar gut, wenn die Deutschen, eingedenk ihrer Vergangenheit, anders als Amerikaner, Briten und Franzosen reagieren? Die fühlen sich gleich als Nation angegriffen, wollen sich wehren, schicken reflexhaft Truppen los. Wenn fahnenbedeckte Särge aus den Flugzeugen geladen werden, nimmt das ganze Land Anteil. Als sei nicht nur jeder gefallene Soldat, sondern auch jeder im Ausland ermordete Tourist fürs Vaterland gestorben.

So ganz stimmt diese Unterscheidung vielleicht doch nicht. Nach der Schulschießerei in Erfurt war von einer speziell deutschen Hemmung, der Trauer und dem Entsetzen Raum zu geben – auch öffentlich und organisiert-inszeniert – wenig zu spüren. Auch am Schicksal des 11-jährigen Jakob nahm das ganze Land Anteil.

Die Fälle, in denen die Deutschen sich schwer tun, zeigen ein anderes Muster: immer dann, wenn ihre Nationalität ins Spiel kommt, wenn der Verdacht auftaucht, ein Mensch habe sterben müssen, weil sie oder er Deutsche(r) war.

Die Amerikaner kennen die irritierende Frage „Why do they hate us?“ schon lange, haben sie nach dem 11. September oft gestellt – und sich selbst die Antwort gegeben: Sie hassen uns für alles, was gut an unserer Gesellschaft ist, Freiheit, Demokratie, Aufstiegs- und Konsumchancen. Weil dies alles die nicht ganz so offene und tolerante Gesellschaft der Islamisten bedroht. Und weil Amerika die Macht hat, für seine Werte einzutreten. Das ist ein bisschen selbstgerecht, aber auch ein bisschen wahr.

Es könnte ja sein, dass die Deutschen sich so schwer tun mit ihren ermordeten Landsleuten, weil sie ahnen, was das für sie heißt. Sie sind nicht zufällig Opfer. Sie sind im Visier, weil ihr Land zu den drei, vier stärksten Mächten des Westens zählt. Die Deutschen wollen sich ihre Stärke zwar nicht eingestehen – weil sie sich davor fürchten, international ähnlich handeln zu müssen wie Briten und Franzosen. Nur, danach fragen Extremisten nicht, ob die Deutschen gerne ein wenig moralischer wären als ihre Partner, freiwillig Machtverzicht üben und sich gar nicht angegriffen fühlen wollen. Sie nehmen Deutschland für das, was es ist: die stärkste Mittelmacht Europas. Maßnahmen gegen Terror sind auch für dieses Land Selbstverteidigung – aus uneingeschränkter Solidarität mit sich selbst.

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