Somalia : Es herrscht wieder Krieg

Äthiopische Streitkräfte kämpfen offen an der Seite der schwachen Übergangsregierung gegen islamistische Milizen. Diese wollen in dem ostafrikanischen Land einen Gottesstaat und ein "Groß-Somalia" errichten.

Mogadischu/Nairobi - Nur Stunden nach der Kriegserklärung Äthiopiens gegen die Union islamischer Gerichte meldete Addis Abeba, dass seine Streitkräfte mit Hilfe der Luftwaffe erste Geländegewinne gegen die Islamisten erzielt hätten. Bei den Gefechten sollen bislang mehrere Hundert Menschen getötet worden sein, unabhängige Angaben gibt es nicht. Die Europäische Union warnt, der Konflikt könne sich zu einem Flächenbrand ausweiten.

"Um uns gegen den Angriff der Union der Islamischen Gerichte zu wehren, sind wir heute gezwungen, in den Krieg zu ziehen", erklärte der äthiopische Ministerpräsident Meles Zenawi. Äthiopien müsse seine Souveränität gegen "Terroristen" und deren "anti-äthiopische Verbündete" verteidigen. "Wir wollen diesen Krieg so schnell wie möglich beenden." Auf großen Zuspruch dürfte er bei den Somaliern nicht stoßen.

Endziel "Groß-Somalia"

Die Islamisten, die seit Beginn des Jahres mehr und mehr Städte eingenommen haben, wurden von der Bevölkerung nach Jahren in Chaos und Anarchie zwar als Garanten für Stabilität willkommen geheißen - auch wenn sie sich vielfach Sympathien verscherzten, indem sie zum Beispiel in Mogadischu Kinovorstellungen verboten. Zuvor aber litten die Menschen unter der Willkür rivalisierender Warlords, die mit Hilfe ihrer Milizen Steuern eintrieben und ihre Macht demonstrierten. Als die Islamisten im Juni Mogadischu einnahmen, fielen erstmals seit Jahren die Grenzen zwischen den einzelnen Stadtvierteln, die Sicherheitslage verbesserte sich, und Putzkolonnen säuberten die Straßen der durch Krieg verwahrlosten Hauptstadt.

Gegenüber der internationalen Gemeinschaft gaben die Chefs der Islamischen Gerichte sich kompromissbereit und ließen sich sogar auf eine erste Runde von Friedensverhandlungen mit der geschwächten Übergangregierung ein. Doch nach innen lautete die Botschaft anders. Das Endziel ihres Chefs, Scheich Hassan Dahir Aweys, heißt "Groß-Somalia", ein islamischer Staat, der auch die von ethnischen Somaliern bewohnten Regionen in den Nachbarländern umfasst. "Wir werden nichts unversucht lassen, um unsere somalischen Brüder in Kenia und Äthiopien zu integrieren und ihnen zu ermöglichen, in Freiheit mit ihren Familien zu leben", sagt Aweys, der auf die Unterstützung von Äthiopiens Erzfeind Eritrea setzen kann.

Neue Kräfteverhältnisse

Eben diese Ambitionen sind es, die bei der äthiopischen Regierung die Alarmglocken schrillen lassen. Äthiopien und Somalia haben zuletzt 1977 gegeneinander Krieg geführt, mit sowjetischen Panzern auf beiden Seiten. Die somalischen Truppen erreichten damals die Stadt Harar im Osten Äthiopiens und wurden dann zurückgetrieben.

Heute sind die Kräfteverhältnisse anders. Die Islamisten, denen die USA sogar Verbindungen zu Terroristen vorwerfen, waren bisher zwar militärisch erfolgreich. Sie hatten aber auch nur relativ schlecht ausgerüstete Milizen der Warlords als Gegner. Die äthiopische Armee gilt dagegen als die führende Militärmacht der Region. Allerdings gibt es auch Befürchtungen, dass die Islamisten eine Guerillataktik verfolgen und etwa Anschläge in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba verüben könnten. (Von Ulrike Koltermann, dpa)

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