Somalia : Lose Beziehungen zwischen Piraten und Al Quaida

Experten sehen kaum Bezüge zwischen Piraten und dem islamistischen Terrornetzwerk Al Quaida – doch die Geheimdienste beharren darauf.

Dagmar Dehmer
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Gefasst. Ein mutmaßlicher Pirat wird von einem Bundeswehrsoldaten in Mombasa an Land begleitet. Er war bei einem Angriff auf ein...

BerlinWestliche Geheimdienste warnen vor engen Verbindungen zwischen den Piraten vor Somalia und dem islamistischen Terrornetzwerk Al Qaida. Angehörige des US-Geheimdienstes CIA und des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE sagten der Nachrichtenagentur ddp in Dschibuti, die Freibeuter erhielten ihre Waffen über Kanäle Al Qaidas. Auf eine gewisse Sympathie deuten auch Äußerungen prominenter Vertreter der radikalen Islamisten in der Region hin, die sich am Wochenende ausdrücklich hinter die Piraten stellten. Allerdings halten Kenner Somalias die Verbindungen zwischen den Piraten und den radikalislamischen Al-Shabbab-Milizen für nur gering ausgeprägt.

Der Piraterie-Experte der Münchener Rück, Dieter Berg, hält enge Verbindungen für unwahrscheinlich. Selbst Roger Middleton vom britischen Think-Tank Chatham House hat in einer Pirateriestudie im Herbst 2008 zwar vor einem solchen Szenario gewarnt. Doch auch er hält die Beziehungen zwischen beiden Lagern derzeit für lose. „Das sind die normalen somalischen Geschäftsbeziehungen“, sagte Middleton dem Tagesspiegel. Die Piraten, die im Süden Somalias operierten, müssten Al Shabbab Schmiergelder bezahlen, damit diese sie in Ruhe lassen. Das sei im Norden des Landes, in Puntland, aber nicht anders. Middleton sagt aber: „Es ist eine beunruhigende Vorstellung, dass Terroristen einen Öl- oder Flüssiggastanker für einen Anschlag kapern könnten.“

Ingrid Mellingen von der norwegischen Sicherheitsberatungsfirma Bergen-Risk-Solutions beschreibt in einem aktuellen Report vier bekannte Piratengruppen. Zwei davon haben Verbindungen zu den Islamisten, zwei nicht. Die „Nationale Freiwillige Küstenwache“ hat ihren Sitz im südsomalischen Kismayo, entführt überwiegend kleinere Boote in Küstennähe; die Lösegelder werden als „Steuern“ für illegale Fischerei bezeichnet. Die Gruppe wird von Garaad Mohamed angeführt, der im somalischen Bürgerkrieg als Kriegsherr mitgemischt hat, sich inzwischen aber den Islamisten angeschlossen haben soll. Die Marka-Gruppe, die südlich der Hauptstadt Mogadischu operiert, ist neben der Piraterie auch im Waffenschmuggel aktiv. Sie wird angeführt von Scheich Yusuf Mohammad Siyad, der sich inzwischen den Islamischen Gerichtshöfen angeschlossen hat. Die zunächst lokalen Streitschlichter hatten sich 2006 zu einer Quasi-Regierung zusammengeschlossen, die bis Ende 2006 den Süden Somalias beherrschte.

Die mächtigste Piratengruppe sind die Somali Marines. Sie haben eine militärische Struktur und operieren nördlich von Mogadischu bis Puntland. Die Gruppe benutzt Mutterschiffe, von denen aus sie Frachtschiffe auch auf hoher See entführen kann und erpresst Lösegeld. Die Somali Marines bezeichnen sich selbst als Verteidiger der somalischen Küstengewässer und arbeiten offenbar für den Kriegsherrn Abdi Mohamed Afweyne. Die Puntland-Gruppe setzt sich aus traditionellen Fischern zusammen. In Puntland lebt ein wachsender Teil der Bevölkerung von der Piraterie.

Ingrid Mellingen sagt: „Ich glaube nicht, dass es enge Verbindungen gibt.“ Aber sie hat eine Erklärung dafür, warum westliche Geheimdienste diese unterstellen. Das würde dem Militär größere Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Der Einsatz gegen die Piraten könnte zum „Krieg gegen den Terror umdeklariert werden“, meint sie. Zudem weist Mellingen darauf hin, dass die Islamischen Gerichtshöfe 2006 die Zahl der Piratenangriffe auf „nahezu null“ gesenkt hätten.

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