Somalia : Piraten schlagen in vermeintlich sicheren Zonen zu

Deutsche Reeder kritisieren die internationale Mission gegen Piraten vor Somalia. Sie berichten von Überfällen in den angeblich sicheren Transitkorridoren.

Hauke Friederichs

Sechsmal schlugen die somalischen Piraten in der vergangenen Woche zu, sechsmal waren sie erfolglos: Die angegriffenen Handelsschiffe entkamen den Seeräubern oder wehrten sie ab. Eine solche Woche gilt im Golf von Aden mittlerweile als ausgesprochen ruhig. Auf der Konferenz "Sicherheit in der maritimen Wirtschaft" in Hamburg zeigten sich Reeder, Juristen, Militärs und Politiker erleichtert darüber, dass es den Piraten in letzter Zeit seltener gelungen war, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Von Entwarnung könne aber keine Rede sein.

Ohnehin bezweifeln die Reeder, dass die aktuelle Entwicklung allein dem Militäreinsatz der Internationalen Gemeinschaft zu verdanken ist. "Die Monsunzeit hat eingesetzt, das ist für die kleinen Boote der Piraten sehr nachteilig", sagte Heinrich Schulte, Vorsitzender der Reederei Bernhard Schulte. Er ist sich sicher: Wenn die Sturmsaison vorbei ist, kehren die Piraten zurück.

In Deutschland gibt es rund 400 Reeder, die mehr als 3000 Handelsschiffe unterhalten. Die deutsche Handelsflotte ist die drittgrößte der Welt. Die Piraterie vor Somalia, aber auch vor der Westafrikanischen Küste, in Lateinamerika und in Südostasien, belastet die maritime Wirtschaft erheblich.

"Die volkswirtschaftlichen Schäden der Piraterie zu beziffern, ist äußerst schwierig", sagte Ministerialdirektor Werner Ressing vom Bundeswirtschaftsministerium. Laut der Versicherungswirtschaft liegt sie bei 16 Milliarden Euro jährlich.

Die Reeder versichern ihre Schiffe zwar gegen Schäden durch Krieg und Kriminelle, doch steigen die Versicherungsprämien für die Fahrt durch den Golf von Aden stetig – einige Prämien sollen sich seit Mitte 2007 verzehnfacht haben. Je nach Schiffstyp und Wert des Frachters und Tankers kostet die Versicherung für eine Fahrt durch die Region bereits 10.000 US-Dollar, sagte der Gesellschafter einer Seeversicherung. Für Reedereien, die dort einen Liniendienst betreiben, sei das ein wirtschaftliches Problem.

Für die gefährliche Fahrt durch den Golf von Aden zum Suezkanal, eine Route die das Mittelmeer mit dem Indischen Ozean verbindet, gebe es keine Alternative, betonten die Reeder. Der Weg um das Kap der Guten Hoffnung herum dauere mindestes zehn Tage länger und vor Nigeria gebe es ebenfalls Piratenüberfälle. Außerdem wollten die Verbraucher in Europa keine höheren Preise für die Produkte bezahlen.

Hans-Heinrich Nöll, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder, forderte auf der Konferenz einen effektiveren Schutz für die Handelsschiffe: "Die Transitkorridore müssen verbreitert werden, da haben wir die Regierung vor Kurzem um Hilfe gebeten." Die internationalen Seestreitkräfte überwachen einen Bereich, der an der Küste Somalias entlang führt, und für Handelsschiffe sicher sein soll. Gerade in dieser vermeintlich sicheren Zone kam es zuletzt jedoch zu versuchten Überfällen.

Reeder Christian Suhr von der Ahrenkiel Shipmanagement berichtete von einem erfolglosen Angriff auf eines seiner Schiffe in dem vermeintlich sicheren Korridor. Das betroffene Schiff habe Glück gehabt, auf einen kleinen chinesischen Konvoi zu stoßen. Viel zu selten würden Konvois dauerhaft durch Kriegsschiffe begleitet, kritisierte Reedervertreter Nöll.

Flottillenadmiral Klaus von Dambrowski verteidigte den EU-Einsatz Atalanta. Seit dem Beginn der Operation sei die Zahl erfolgreicher Piratenüberfälle deutlich gesunken. Vor Somalia seien 40 internationale Kriegsschiffe im Einsatz, selbst mit 200 Fregatten, Korvetten und Zerstörern ließe sich das Gebiet nicht lückenlos überwachen.

Deutschland beteiligt sich mit den Fregatten Rheinland-Pfalz  und Emden, sowie mit dem Versorger Berlin und einem Seeaufklärungsflugzeug an der EU-Mission. Klaus von Dambrowski forderte, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen der Marine von der Politik dauerhaft geklärt werden. Das Mandat für Atalanta läuft im Dezember aus, der im September neu gewählte Bundestag muss dann über eine Verlängerung entscheiden. Problematisch bleibt der Einsatz von Soldaten gegen Piraten weiterhin. Denn die Festnahme von Verbrechern und die Verfolgung von organisierter Kriminalität gehört in Deutschland zu den Aufgaben der Polizei – nicht der Bundeswehr.
 

ZEIT ONLINE, 10.06.2009

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