Somalia : Prima Klima für Piraten

Kriegsschiffe aus rund 20 Nationen patrouillieren seit vergangenen Herbst im Golf von Aden. Doch die somalischen Freibeuter wissen den internationalen Kriegsschiffen auszuweichen – und geben nicht auf.

Dagmar Dehmer
Französische Segeljacht Tanit aus der Hand von Piraten befreit - Tote
Die französischen Geiseln, bevor die Armee die Yacht am Freitag stürmte -Foto: dpa

Berlin - Florent und Chloé Lemacon wollten mit ihrem dreijährigen Sohn in ein neues Leben ohne Konsumzwänge segeln. Gemeinsam mit einem befreundeten Paar kündigten sie ihre Jobs in Frankreich und brachen im Juli 2008 auf nach Sansibar vor der tansanischen Küste. Mehrfach waren sie gewarnt worden, nicht durch den Golf von Aden zu segeln. Sie trafen in Ägypten sogar ein französisches Paar, das wenige Monate zuvor von der Armee aus den Händen somalischer Piraten befreit worden war. Doch Chloé Lemacon sagte: „Die Piraten dürfen unseren Traum nicht zerstören.“ Ihr 27-jähriger Mann überlebte diese Entscheidung nicht. Er starb, als ihre Jacht am Freitag bei einer dramatischen Rettungsaktion von französischen Soldaten gestürmt wurde. Zwei Piraten wurden erschossen, drei festgenommen. Präsident Nicolas Sarkozy verteidigte die dritte derartige Rettungsaktion und sagte, Frankreich sei entschlossen, „der Erpressung nicht nachzugeben und die Piraterie in Schach zu halten“.

Schon 2007 waren 60 Schiffe vor Somalia angegriffen worden, 2008 zählte das Internationale Maritime Büro (IMB) 111 Angriffe und 42 geglückte Entführungen. Kriegsschiffe aus rund 20 Nationen patrouillieren deshalb seit Herbst 2008 im Golf von Aden, um die wichtige Handelsroute durch den Suezkanal, den jährlich rund 20 000 Schiffe nutzen, zu sichern. Seit Dezember 2008 ist die EU-Mission Atalanta im Einsatz, an der sich auch Deutschland mit einem Kriegsschiff beteiligt. Bis dahin hatte die Nato vor allem Lebensmitteltransporte für das Welternährungsprogramm (WFP) nach Somalia geschützt. Ende März begann eine weitere Marine-Gruppe, die sich aus fünf Ländern zusammensetzt, ihren Einsatz. Zudem ist eine amerikanische Einsatztruppe seit Januar 2009 am Anti-Pirateneinsatz beteiligt. Dazu kommen noch Kriegsschiffe aus China, Indien, Japan, Russland, Korea und einigen kleineren Nationen. Experten hegen leise Zweifel an der Effizienz dieser zusammengewürfelten Truppe, die trotz einer UN-Sicherheitsratsentscheidung nicht unter einem gemeinsamen Kommando zusammengefasst ist, sondern lediglich kooperiert.

Dennoch schien der Marine-Einsatz zunächst Erfolg zu haben. Im Januar und Februar 2009 habe es lediglich drei vereitelte Angriffe auf Schiffe im Golf von Aden gegeben, berichtet das IMB. Im März nahm die Zahl dann wieder auf 15 zu, und im April entführten somalische Piraten dann innerhalb von knapp zwei Wochen wieder sieben Schiffe. Die Internationale Meeresorganisation (IMO) analysierte schon Ende März, dass der zwischenzeitliche Rückgang der Attacken neben der Präsenz der Anti-Piratenmission auch einen ganz profanen Grund gehabt haben dürfte: das schlechte Wetter. Seit das Meer wieder ruhiger ist, sind neben den Piraten auch die Schlepper von Flüchtlingen von Somalia nach Jemen wieder aktiv. Das Muster passt auch zu den Erfahrungen aus den Jahren 2007 und 2008. Im ersten Quartal 2008 fanden sechs Angriffe auf Schiffe statt, nur zwei konnten die Piraten auch tatsächlich kapern. Von April bis Oktober stieg die Zahl der entführten Schiffe dann dramatisch an. In den beiden letzten Monaten des Jahres blieb es dagegen ruhig. Die Angriffe und Entführungen im Jahr 2007 folgten dem gleichen Muster.

Ingrid Mellingen von der Beratungsfirma Bergen-Risk-Solutions beschreibt in einem aktuellen Report über die Piraterie vor Somalia die Anpassungsfähigkeit der vier wichtigsten Gruppierungen an die veränderten Bedingungen. Zumindest zwei davon – die Somali Marines und die Puntland-Gruppe – operieren schon länger von gekaperten Mutterschiffen aus, was ihren Aktionsradius deutlich erweitert. Die jüngsten Entführungen fanden auf hoher See im Indischen Ozean statt oder nahe den Seychellen.

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