Sommerreisen der Politiker : Wenn die Parlamente Urlaub machen ...

Kaum endet der Parlamentsbetrieb, schwärmen die Politiker aus. Sie mischen sich unters Volk – zu lernen gibt es dabei immer etwas.

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Bundeskanzler Helmut Kohl macht mit seiner Frau Hannelore, die im Wildgehege auf der Kleefeldalm das Rehkitz Maxi füttert, Urlaub in St. Gilgen am Wolfgangsee (Österreich). Einmal im Jahr verbringt der Kanzler dort seinen mehrwöchigen Sommerurlaub und erholt sich beim Wandern und Lesen. Aufnahme vom 1. August 1994.
Bundeskanzler Helmut Kohl macht mit seiner Frau Hannelore, die im Wildgehege auf der Kleefeldalm das Rehkitz Maxi füttert, Urlaub...Foto: picture-alliance / dpa

Am Ende geht es immer um das Bild. Dabei herrscht an Bildern von Politikern ja nun wirklich kein Mangel. Tausendfach werden sie bei ihrem Handwerk abgelichtet, wie sie Reden halten, Hände drücken, mit ernster Miene Verträge unterschreiben. Aber im Sommer kommt eine zweite Sorte Bilder dazu. Wenn die Parlamente Urlaub machen, schwärmen sie aus ins Land, vom hinterbänklerischen Abgeordneten bis zum Landesvater. Hemdsärmelig kommen sie dann daher, locker, nahbar. Auf Mallorca tauchen sie auf, am Ostseestrand, im Wahlkreis, händeschüttelnd, Tierchen streichelnd. Sommertour und Urlaubsfoto sind feste Punkte im politischen Terminkalender. Und nichts wäre verfehlter, als sie für einen Spaß zu halten.

Tatsächlich hat die Sommerreise eine sehr alte, ernste Tradition. Karl der Große ist einer ihrer Paten. Der Kaiser brach mit Haus und Hof auf, sobald der Schnee schmolz, und zog von Pfalz zu Pfalz. Es war der einzige Weg, ein unwegsames Reich zusammenzuhalten, dessen Bewohner diesen Karl, wenn überhaupt, nur vom Hörensagen kannten. Erst wenn er leibhaftig vorbeischaute, Gericht hielt und Privilegien bestätigte, wurde seine Herrschaft zur Realität.

Die Parallele zur heutigen Sommertour ist unübersehbar. Allerdings wird der Brauch im strengen Sinn nur noch auf den Ebenen unterhalb der Nummern eins gepflegt. Kanzler geben Sommerinterviews unter freiem Himmel und machen ansonsten Urlaub. Von manchen gibt es dabei Fotos – Konrad Adenauer beim Boccia-Spiel im norditalienischen Cadenabbia, Helmut Schmidt beim Segeln auf dem Brahmsee. Von Angela Merkel tauchen ab und an Paparazzi-Schüsse auf im Wanderanorak in Südtirol oder am Strand der Insel Ischia.

Nur der gelernte Historiker Helmut Kohl hat sich, noch ganz im Sinne Karls, selbst zum Event gemacht. Alljährlich pilgerte an einem vorbestimmten Tag eine Fotografenschar nach St. Gilgen am Wolfgangsee. Dort warteten schon der Kanzler im Holzhackerhemd und die Kanzlergattin Hannelore, wahlweise mit Reh oder Münsterländer. Guck mal, sagten seine Wähler dann beim Blick in die Zeitung und auf den eigenen Wohlstandsbauch – guck mal, einer wie wir! Womit der Zweck der Übung voll erfüllt war.

Wenn Politiker nur noch per Talkshow ins Wohnzimmer hineinquasselten

Andere, nicht ganz so Prominente drängen näher ans Volk und stärker in die Lokalzeitung. Auf die ist Verlass: „Politik zum Anfassen“ liest man allenthalben, wenn in der Saure-Gurken-Zeit der MdB vorbeischaut, der Ministerpräsident oder der Spitzenkandidat in spe. Das nicht zeitungslesende Jungvolk kann über Facebook und Twitter live mitfiebern, wenn Grünen-Chef Cem Özdemir dem letzten Höhepunkt seiner neckisch als „#Cemtrail“ titulierten Sommertour entgegenstrebt: der Schirmherrschaft über die DRK-Blutspendeaktion auf dem Parkplatz vor dem Erlebnispark in Tripsdrill.

Wie oft im Verhältnis von Bürger und Politiker hat es, einerseits, etwas Aufdringlich-Inszeniertes, wenn der Volksvertreter sich leutselig unters Volk mischt. Zumal er dabei immer wieder die Erfahrung macht, dass die normalen Leute eher Abstand halten, während sich der ältere Herr, der sie sofort ins Gespräch verwickelt, zuverlässig als der stadtbekannte Querulant entpuppt.

Aber andererseits – wenn Politiker nur noch per Talkshow ins Wohnzimmer hineinquasselten, wär’s auch nicht recht. Und ein bisschen lernt man ja schon dabei als Zuschauer, wenn so einer beim Volksfest ein Bier trinkt oder die örtliche Schreinerei besichtigt. Verschanzt er sich hinter den Honoratioren oder sucht er Kontakt? Will der wirklich was wissen, oder tut er nur so? Ist er nett? Oder komisch, irgendwie? Politik ist auch ein Wettbewerb in Sachen Sympathie.

Besonders deutlich wird das bei einer Spezialform der Sommerreise: der „mit Presse“ oder, verschärfte Form, „für die Presse“. Die dauert ein, zwei Tage, führt meist in den Wahlkreis des Einladenden, präsentiert dort touristische Highlights und Vorzeigehelden der lokalen Wirtschaft und endet stets in einer Gaststube bei Bier und Hintergrundgespräch. Der Gastgeber verspricht sich von der ganzen Sache, dass die Presse ihn hinterher besser versteht. Die Journalisten versprechen sich, dass sie hinterher den Gastgeber besser verstehen; politisch, aber auch als Mensch und Type. Meistens funktioniert das erstaunlich gut. Manchmal funktioniert es so gut, dass es schiefgeht.

Die Mutter aller Presse-Sommerreisen?

Wer den Brauch eingeführt hat, muss die Zeitgeschichtsschreibung noch herausfinden. Legendär war zu Bonner Tagen die Glos-Tour. Der damalige CSU- Landesgruppenchef Michael Glos lud sommers zur Wahlkreiswanderung in seine fränkische Heimat. Vorweg marschierten rüstige Rentner in Kniebundhosen, an Dorfeingängen warteten Blaskapellen und überhaupt war es eine große Gaudi. Wer mit dem Glos ein ernsthaftes Wort wechseln wollte, tat freilich gut daran, sich hinten einzureihen und zu warten. Es dauerte dann selten lange, bis der Gastgeber die Kniebündler vorstürmen und sich selbst sachte zurückfallen ließ.

Oder ist die „Nordlicht-Tour“ die Mutter aller Presse-Sommerreisen? Zu der laden die Niedersachsen ein. Der Name ist aus Trotz geboren, als der Bayer Franz Josef Strauß den CDU-Landesvater Ernst Albrecht und seine Truppe als Nordlichter beschimpfte. Wer mit „Nordlicht“ reist, bekommt Gefängnisse von innen zu sehen oder Gorleben von unten oder Windparks auf hoher See, und zum Schluss sitzt er mit dem Ministerpräsidenten bis tief in die Nacht im Gästehaus der Landesregierung in Hannover in kleinerem Kreis beisammen. Dem Muster folgen viele Sommerreisen. Manche werden Tradition, manche leben kurz auf und verschwinden, wenn der Gastgeber auf- oder absteigt. Zu lernen gibt es aber immer etwas. In Weeze am Niederrhein erlebte man, dass der CDU-General Ronald Pofalla zu Hause gar nicht so präpotent wirkte wie im Adenauer-Haus. Anderswo konnte man „unter drei“ streng vertraulich hören, was Angela Merkel alles falsch mache. Und keiner von denen, die dabei waren, wird je den einen Satz vergessen, mit dem ein christdemokratischer Parteifreund nach drei Glas Wein mal eben die damalige Familienministerin ausbürgerte: „Ursula von der Leyen – das ist nicht CDU!“

Überhaupt, die SPD-Vorsitzenden!

So malen die einen Bilder, und die anderen machen sich eins – vom Gastgeber, von der Stimmung, vom Land. Der Vorteil liegt auf beiden Seiten. Nur manchmal geht es eben schief. Im September 1995 etwa, als Gerhard Schröder mit dem Handy auf dem Deich stand. Dieser Deich hielt die Nordsee davon ab, die Ortschaft Harlingersiel zu besuchen, an jenem Tag Zwischenstation auf der Sommerreise des niedersächsischen Ministerpräsidenten. Die Fischer klagten über Sorgen mit dem Nationalpark Wattenmeer, als Schröders Referent den Chef kurz nach draußen ans Handy bat. Das Gespräch verlief erkennbar heftig. Die Fotografen hielten ihre Teleobjektive auf den Mann am Deich. Und anderntags konnten Zeitungsleser quasi dabei zusehen, wie der SPD-Chef Rudolf Scharping den Niedersachsen als Wirtschaftssprecher der Partei feuerte.

Überhaupt, die SPD-Vorsitzenden! Drei Jahre später sitzt Kurt Beck in der Wasserburg Reipoldskirchen. Er hat drei Dutzend Journalisten sein pfälzisches Reich gezeigt, in dem er lange der „König Kurt“ war. Die Journalisten wollen aber wissen, wie er die Lage in Berlin sieht, seine Lage, eine schwierige. Beck findet dieses ganze „Berlin“ grässlich und die Fragen eine Zumutung. Irgendwann explodiert er, minutenlang.

Wenig später verlor er den SPD-Vorsitz. Das Bild, das er in der Wasserburg abgab, ist er nie losgeworden; es nahm seinen hilflos-zornigen Abgang vorweg. Denn am Ende geht es immer um die Bilder: die gedruckten und die gesendeten und die im Kopf des Betrachters.

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