Politik : Sommertheater: Vorhang auf - CSU

Robert Birnbaum

Drunten im Souffleurkasten sitzen sie und versuchen, dem Hauptdarsteller den Text einzuflüstern: Die CSU ist damit beschäftigt, die Schwesterpartei CDU nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Monatelang hatten sich die Christsozialen im Verhältnis zur neuen CDU-Führung geradezu mustergültig zurückgehalten. CSU-Chef Stoiber hatte sich jede spöttische Invektive gegen die CDU-Kollegin Merkel verkniffen - der CSU-Landesgruppenchef Michael Glos hatte seinem neuen Fraktionschef Merz eine Loyalität bewiesen, die schon fast wieder verdächtig war. Seit dem Steuer-Debakel im Bundesrat aber feiern bei der CSU alte Bräuche wieder fröhliche Urstände. Aus dem Münchner Souffleurkasten dringt ein lautes Grummeln auf die Berliner Bühne: "Nun seht mal gefälligst zu, dass ihr in Schwung kommt!" Die CSU hat sich immer als Speerspitze der Opposition gesehen; jetzt könnte der Zeitpunkt erreicht sein, wo sie das auch mal wieder laut sagt. Dahinter steckt die Angst, dass die große Schwester CDU die Bundestagswahl 2002 verpatzt und womöglich die kleine Schwester im gleichen Jahr in Bayern mit nach unten zieht. Für Stoiber persönlich ist die Lage besonders unangenehm. Merkel und Merz sind durch das - in Teilen ja selbst verschuldete - Steuer-Debakel beschädigt.

Der Souffleur

Aber was nützt es Stoiber, dass er jetzt im Führungstrio der C-Parteien der Stärkste ist? Es nützt ihm gar nichts. Denn Kanzlerkandidat will der Bayer höchstens dann werden, wenn er Chancen hat zu gewinnen. Darum treibt er die CDU ungeduldig an. Doch der Souffleur findet so recht kein Gehör: Merkel weiß, dass ihre Beliebtheit beim Publikum auf ihrer Glaubwürdigkeit beruht. Und die wiederum beruht zum nicht kleinen Teil darauf, dass sie sich von Leuten wie Stoiber unterscheidet. Und Rechtspopulismus ist bisher ihr Markenzeichen nun mal nicht gewesen.

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