Sondierung, Streit und Versöhnung : Amtsverhandlung auf dem Weg zur großen Koalition

Es wächst ein Vorrat an Gemeinsamkeiten für eine große Koalition. Dabei hätte es zwischen CDU und SPD auch schief gehen können. Schwarz-Grün wurde als Option immer schöner, sogar für Horst Seehofer. Es gab da diesen Moment am Verhandlungstisch.

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In der Parlamentarischen Gesellschaft direkt neben dem Reichstag rangen CDU und SPD um gemeinsame Positionen - mit Erfolg, wie es scheint.
In der Parlamentarischen Gesellschaft direkt neben dem Reichstag rangen CDU und SPD um gemeinsame Positionen - mit Erfolg, wie es...Foto: dpa

Dieser frische Wind! Er fegt durch die Straßen, in die Bäume, mit einer Kraft, dass sich sogar die Blätter neu sortieren. Vor den Gebäuden, den wuchtigen, imposanten, majestätischen im Regierungsviertel liegen sie wie Teppiche, vereinzelt scheinen manche grünen blässlich und manche leicht rötlich. Politische Illumination der Sonne, die sich ihren Weg bahnt.

In der Parlamentarischen Gesellschaft, dem Bundestag gegenüber gelegen, früher das Reichstagspräsidentenpalais, sind heute die Vorhänge aufgezogen. Keiner muss sich dahinter verbergen, keine Miene dahinter der Ausdeutung entzogen werden; heute ist alles offen. Auch der Ausgang.

Die Türen sind offen. Keiner muss daran rütteln wie vor kurzem noch Sigmar Gabriel, als er in die Gesellschaft Seit an Seit mit seinen Genossen zum ersten Sondierungsgespräch mit den Unionsparteien einziehen wollte. Welch ein Bild: Gabriel will da rein … Aber er ist kein Gerhard Schröder, der an den Gitterstäben des Kanzleramts rüttelte und dabei rief „Ich will da rein“, damals, lang ist es her, im vorigen Jahrhundert in Bonn. Schröder ist ja auch schon wieder draußen.

Union und SPD wollen koalieren
CSU-Chef Horst Seehofer ist "hochzufrieden" nach der dritten Sondierung mit der SPD. Die Spitzen von CDU, CSU und SPD empfehlen ihren Parteien die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.Weitere Bilder anzeigen
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17.10.2013 17:18CSU-Chef Horst Seehofer ist "hochzufrieden" nach der dritten Sondierung mit der SPD. Die Spitzen von CDU, CSU und SPD empfehlen...

Damals wie heute ist das Kanzleramt fest in den Händen der CDU

Gabriel ist geduldig, geduldiger geworden, und er rüttelt nicht, weder da noch dort. Geschichte wiederholt sich zwar nicht, diese allerdings lehrt etwas. Damals wie heute ist das Kanzleramt fest in den Händen der CDU, und damals wie heute kommt die SPD erst da rein, wenn die Deutschen es wollen, wenn sie den oder die, die da drin sitzen, nicht mehr wollen. Das kann dauern. Erfahrungsgemäß. 25,7 Prozent von gut 71 Prozent bei der jüngsten Bundestagswahl sind nicht die Mehrheit, bei Weitem nicht.

Diese Berliner sitzen jetzt im Bundestag
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25.09.2013 08:4527 Parlamentarier sitzen über Direktmandate und die Landesliste für Berlin im Bundestag. Sie wollen wissen, wer die Stadt oder...

Am Anfang wollte die SPD das noch nicht so richtig verstehen. Da trat sie auf, im ersten Gespräch mit den 14 von der Union war das, als hätte sie eine Art sozialer Ungerechtigkeit dorthin verschlagen. Die Laune war entsprechend, ihre Laune. Die der Union, voran die der Kanzlerin, war logischerweise anders. Ihr Experiment war aufgegangen, keine Experimente anzubieten, ein vertrautes Gesicht. Wohltemperiert, könnte man bei ihr sagen. „Sie kennen mich“, wir Deutsche kennen sie, und man kennt einander bei Union und SPD.

Schwarz-Grün wurde als Option immer schöner

Es hätte schiefgehen können. Die Grünen sind ja doch noch da. Politisch leicht blässlich, das schon, aber mit ihnen zu sprechen war schon nicht lässlich. Die SPD hätte noch einmal verlieren können, nicht nur das Gesicht als politische Profis, die regieren können, regieren könnten. Ganz knapp war es. Schwarz-Grün wurde als Option immer schöner. Sogar für Horst Seehofer, den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden, der vorher wenig bis nichts davon wissen wollte.

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24.09.2013 17:21Kleine Domino-Theorie nach der Bundestagswahl: In Folge des schlechten Wahlergebnisses für die Grünen kündigte Jürgen Trittin...

Als Innenminister Hans-Peter Friedrich beim Treffen mit den Grünen auf CSU-Seite die Forderung nach der doppelten Staatsbürgerschaft als das größte Problem beschrieb, überfuhr ihn Seehofer. Rücksichtslos, wie er am Tisch sein kann, sagte er „für die ganze CSU“, dass das kein Hinderungsgrund sein müsse. Der bayerischen Schwäbin Claudia Roth, noch Parteichefin der Grünen, blieb erst der Mund offen stehen, ehe sie ein Wort der Überraschung fand. Und sie ist um Worte für gewöhnlich nicht verlegen.

Aber es war auch keine gewöhnliche Situation. Eine Auszeit der Grünen, um sich in der Sondierung mit den Schwarzen noch einmal intern zu beraten, geriet länger und länger, so dass Cem Özdemir zwischendurch bei ihnen um Verständnis bat. Da brauchte er nicht lange zu bitten. Angela Merkels Vize im Parteiamt, Thomas Strobl, Julia Klöckner, Armin Laschet, allesamt CDU-Länderchefs, hatten schon vorab ihre Sympathien bekundet. Aber auch die anderen, auf die es ankommt, hatten nichts dagegen, Volker Kauder, der Fraktionschef, Wolfgang Schäuble, Volker Bouffier aus Hessen, der selbst an eine schwarz-grüne Regierungsoption denkt. Selbst er!

Da war dieser Moment, der an dem Abend länger und länger wurde

Vielleicht war es in diesem Fall so: Ist Ablehnung gesichert, fällt Zustimmung umso leichter. Denn die Grünen hatten vorab ja doch schon einiges erklärt. Und geklärt. So zum Beispiel, dass ihr Wahlergebnis von etwas mehr als acht Prozent ihrer Kernwählerschaft zu danken sei, und die ist in der Mehrheit links. Das verträgt sich schwer mit Schwarz-Grün. Und doch, da war dieser Moment, der an dem Abend länger und länger wurde. Wenn da einer bei den Grünen mehr als das Abgeordnetenmandat gehabt hätte, nämlich das Mandat, die Abordnung und mit ihr die Partei zu führen, dann … Die Grünen kamen danach gesammelt zurück, nur der Moment ging vorbei.

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