Sondierungsgespräch zwischen CDU und SPD : Nach Gemeinsamkeiten Ausschau gehalten

Noch hallt das Wort Peer Steinbrücks aus dem Wahlkampf nach: Die SPD wolle nicht Merkels „Steigbügelhalter“ sein – nicht noch einmal. Aber was dann? In Berlin treffen sich die Parteispitzen, um herauszufinden, wie eine große Koalition möglich ist.

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Angela Merkel nach dem Sondierungsgespräch.
Angela Merkel nach dem Sondierungsgespräch.Foto: dpa

Ralf Stegner ist noch fast im Kampfmodus, aber das kann man in seinem Fall sogar verstehen. Der Genosse Stegner ist nämlich nicht nur SPD-Chef in Schleswig-Holstein und strömungspolitisch ein führender Linker, sondern auch auf dem Sprung zum nächsten SPD-Generalsekretär. Der Job bringt eine Pflicht zur Rauflust mit sich. Stegner hat damit wenig Probleme. Pünktlich zum Beginn der Sondierungsgespräche für die nächste Bundesregierung legt er eine Latte, über die er Angela Merkel und Horst Seehofer hüpfen lassen will: Für eine große Koalition, sagt Stegner in einem Interview, müsse die Union zum „Politikwechsel“ bereit sein.

„Politikwechsel“ – das ist ein großes Wort, das da über jener Runde von 21 Spitzenpolitikern schwebt, die sich am Freitagmittag bei strahlender Herbstsonne in der Parlamentarischen Gesellschaft versammelt. Seit dem Morgen haben sie beisammen gesessen – erst die sieben von der CSU beim Frühstück in der bayerischen Landesvertretung, dann die 14 von CDU und CSU bei Fraktionschef Volker Kauder im Jakob-Kaiser-Haus, fünfter Stock.

Die Tür ist zu. Man schellt

Das SPD-Septett trifft sich zur gleichen Zeit bei Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, gleiches Haus, vierter Stock. Beide Truppen trennt also bloß eine Geschossdecke. Die ist allerdings aus Beton. Der kurze Dienstweg über die Feuertreppe, den Kauder in der ersten großen Koalition zum vertraulichen Gespräch mit dem damaligen Kollegen Peter Struck wählte, ist vorerst stillgelegt.
Ob Kauder ihn wieder eröffnen kann – ungewiss. Um Viertel vor eins macht sich die SPD-Gruppe auf den Weg, schlendert draußen auf dem Platz zwischen Reichstag und Parlamentarischer Gesellschaft an den Kamerabatterien vorbei und rüttelt an der kleineren der beiden Eingangstüren. Die Tür ist zu. Man schellt. Es dauert ein paar Sekunden, bis von innen einer öffnet.

Eine Viertelstunde später tun sich die Doppelflügel der großen Haupttür auf. Die Unionstruppe walzt mitten hindurch, Kauder im Sturmschritt vorweg, die Kanzlerin in Türkis dahinter. Kleine Tür, große Tür, Anklopfen müssen und einfach durchrauschen können – das Leben erfindet oft komische Symbole.
Gesagt hat übrigens keiner etwas, sieht man von Sigmar Gabriel ab, der auf die hingeworfene Frage nach seinen Hoffnungen zurückraunzt: „Dass das Wetter gut bleibt!“ Ansonsten schweigt der SPD-Chef, so wie er es im Prinzip seit einer Woche schon tut.

Das Wort "Politikwechsel" kommt nicht vor

Wenn er doch ein paar Sätze öffentlich sagt, kommt ein Wort wie „Politikwechsel“ darin nicht vor. Er weiß, warum. In dem Wort dröhnt der Wahlkampf nach; es hätte gut auf einem der Plakate stehen können, die hier und da noch an Laternen hängen. Aber wenn Angela Merkel ihren Wählern etwas versprochen hat, dann dass es gerade keinen Politikwechsel geben wird. Diese Schlacht ist geschlagen, auch wenn manche noch ganz erhitzt davon sind. Ab hier und heute geht es um etwas anderes: Zwei Wochen nach der Bundestagswahl tasten sich Gewinner wie Verlierer widerwillig vor zum Abkühlbecken.

Dabei darf man getrost unterstellen, dass die erste Riege der Unterhändler keine Tauchbäder nötig hat, um von Wahlkampfhitze auf Normaltemperatur zu kommen. Angela Merkel hat sich schon am Wahlabend zu Jubelbildern für die Anhängerschaft fast zwingen müssen. Die CDU-Chefin hat gleich gewusst: Das ist ein komplizierter Sieg. Sie hat ein grandioses Ergebnis erzielt – und kann damit bei Weitem nicht das anfangen, was fast 42 Prozent suggerieren.

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