Politik : Sonia Gandhi siegt – und verzichtet

Ruth Ciesinger

Hunderte Mitglieder der Kongresspartei demonstrierten am Dienstag vor Sonia Gandhis Residenz in Delhi. Mit Bildern der Parteipräsidentin und ihres ermordeten Mannes forderten sie vergeblich, die Frau des früheren Premiers möge den Posten der Regierungschefin wie geplant übernehmen. Manche drohten sonst sogar mit Selbstmord. Doch indische Medien zitierten bereits am Vormittag Mitglieder der Kongresspartei, die Überraschungssiegerin der Parlamentswahl habe sich gegen das Amt entschieden. Gandhi selbst sagte am Abend unter lautem Protest vor Parlamentariern: „Ich muss das Amt demütig ablehnen.“

Sie hat handfeste Gründe für diesen Rückzug. Seit sie am Sonntag offiziell nominiert worden ist, brach eine nationalistische Kampagne unerwarteten Ausmaßes los. Führende Mitglieder der hindunationalistischen BJP des bisherigen Premiers Atal Behari Vajpayee starteten eine nationale Protestbewegung, um Gandhi wegen ihrer italienischen Herkunft zu diskreditieren. Die BJP-Fraktion drohte, Gandhis Amtseinführung fernzubleiben, zwei Parlamentarier kündigten an, ihr Mandat niederzulegen. Nun sollen die Kinder Gandhis, die sie im Wahlkampf unterstützten, aus Angst um deren Sicherheit die Mutter gebeten haben, auf das Amt zu verzichten.

Auch wenn das Wahlergebnis zeigt, dass eine Mehrheit der Inder keine Probleme mit Sonia Gandhis Herkunft hat – ihre Regierungspolitik hätte ein fremdenfeindliches Dauerfeuer der Opposition erwartet. In den vergangenen Tagen zeigte sich, dass die notwendige, fortgesetzte Liberalisierungspolitik als Ausverkauf indischer Werte durch eine Italienerin diskreditiert worden wäre. Und Gandhis Verhandlungsspielraum im Kaschmirkonflikt wäre gleich null gewesen. Alle Zugeständnisse an Pakistan hätte das gleiche Argument torpediert.

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