Politik : Sonnengott im Untergrund

Ohne Velupillai Prabhakaran, den diktatorischen Führer der Tamilen-Rebellen, ist in Sri Lanka kein Frieden möglich

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Nach wochenlangen heftigen Kämpfen haben die Tamilen-Rebellen (LTTE) der Regierung neue Friedensgespräche angeboten. Der Vorschlag sei von den norwegischen Vermittlern überbracht und von der Regierung angenommen worden, teilte die Regierung am Sonntag mit. Sie ist zu Gesprächen bereit. Experten glauben, dass keine Seite den Konflikt militärisch gewinnen kann. Dies lasse sich nur in Verhandlungen erreichen. Und der Schlüssel dazu liegt vor allem in den Händen eines Mannes: Velupillai Prabhakaran, dem Boss der LTTE. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat er die LTTE zu dem gemacht, was sie ist: Eine der schlagkräftigsten und brutalsten Guerillagruppen der Welt. Und bis heute regiert der 51-Jährige sie mit eiserner Hand. „Prabhakaran ist die LTTE und die LTTE ist Prabhakaran“, schrieb das Institut für Friedens- und Konfliktforschung in Delhi.

Gerade 18 Jahre war Prabhakaran alt, als er eine Vorläuferorganisation der LTTE mitgründete. 1976 rief er die LTTE ins Leben. Heute soll sie 6000 bis 15 000 Kämpfer haben. Sie verfügt nicht nur über Bodentruppen, sondern auch über Seekräfte und angeblich zwei Flugzeuge. Ihre tödlichste Waffe aber sind die „schwarzen Tiger“, die Selbstmordkommandos. Angeblich soll die LTTE die Statistik der weltweit verübten Suizidattentate anführen. Die Täter, meist junge Menschen, auch Frauen, werden in der LTTE zu Helden und Märtyrern stilisiert.

Aus Dschungelverstecken heraus soll Prabhakaran die LTTE führen. Selten gibt er Interviews, die Liste seiner Feinde ist lang. Ein mal im Jahr, am LTTE-Tag der Helden, dem 27. November, richtete er traditionell eine Botschaft an seine Leute. Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Angeblich soll er verheiratet sein und zwei Kinder haben. Wenn man seinen Lebensweg verfolgt, entsteht das Bild eines Mannes, dem Macht über alles geht. Auf seiner Todesliste stehen keineswegs nur Singhalesen. Von Anfang an ließ er auch die Führer rivalisierender Tamilen-Parteien ermorden. Tamilen, die sich dem Herrschaftsanspruch des LTTE-Bosses nicht unterwerfen, gelten als „Verräter “.

Auch in den eigenen Reihen duldet er keinen Widerspruch, selbst Vertraute ließ er umbringen, weil er Verrat witterte. Nach zahllosen Attentatsversuchen trage Prabhakarans Angst vor Verrat fast paranoide Züge, heißt es in einigen Berichten. Ein schwerer Schlag für ihn war, als sich der LTTE-Kommandant Karuna vor zwei Jahren mit seinen Gefolgsleuten abspaltete. Die ehemaligen Weggefährten gelten nun als Todfeinde.

In der LTTE wird ein regelrechter Personenkult um Prabhakaran betrieben. Er lässt sich in Liedern besingen, in Gedichten preisen und in Porträts als Volksheld stilisieren. Seine Leute sprechen respektvoll von „unserem nationalen Führer“. In ihrem Eid schwören die LTTE-Kämpfer persönliche Treue zu ihm, bevor sie in die Schlacht ziehen. Prabhakaran selbst soll eine Zyanidkapsel um den Hals tragen, die er angeblich im Falle seiner Gefangenschaft schlucken will. Das Gleiche erwartet er auch von seinen Gefolgsleuten.

Trotz der jüngsten Eskalation glaubt der sri-lankische Friedensforscher Jehan Perera, dass weder Prabhakaran noch Präsident Rajapakse einen neuen Krieg wollen. Sicher ist: Gegen Prabhakaran ist kein Frieden in Sri Lanka möglich. Er und seine Vertrauten dürften einer friedlichen Lösung aber nur zustimmen, wenn sie ihre eigene Macht gesichert sehen. Die große Frage lautet: Welche Zukunft könnte ein geeintes und friedliches Sri Lanka einem geläuterten Prabhakaran bieten? Solange es darauf keine wirkliche Antwort gibt, dürfte Prabhakaran lieber als „Sonnengott“, wie er sich angeblich gerne anreden lässt, über seinen Tamilen-Staat herrschen, mag dieser auch noch so arm, rückständig und kriegsgebeutelt sein.

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