Politik : Sorge dich ruhig und lebe! (Kommentar)

Giovanni Di Lorenzo

Wahrscheinlich ist es ein Segen, dass die Zeit ewig ist, das Gedächtnis aber kurz. Man stelle sich nur vor, wir hätten diesen Jahrtausendwechsel, sagen wir, zu Beginn der achtziger Jahre feiern müssen. Erinnern Sie sich noch? Deutschland geteilt, nicht nur geografisch, sondern auch nach Gesellschaftssystemen, militärisch aber ein einziges Waffenlager. Zukunft? Der rote Knopf, der atomare Crash! Und auch jenseits dieses Szenarios kein schönes Land weit und breit. Es drohte doch die vollständige Zerstörung der Umwelt: Erst stirbt der Wald, dann der Mensch.

Merkwürdig, keine zwanzig Jahre später scheint mit dem Jahr 2000 ein neuer Zeitgeist ausgebrochen zu sein - die Zeit der Sorglosigkeit. Die Teilung Deutschlands: für immer überwunden. Die Last der deutschen Vergangenheit, diese beispiellose Bündelung von zwei Angriffskriegen, einem nationalsozialistischen Völkermord, einer sozialistischen Diktatur in einem einzigen Jahrhundert: Sie beschwert offenbar nur noch wenige. Das Gespenst der Apokalypse durch den Missbrauch der Natur: wie weggefegt, obgleich etwa die verheerenden Orkane der vergangenen Tage eine Folge der von Menschen verursachten Erderwärmung sein dürften. Arbeitslosigkeit und neue Armut: Stolz stehen ihnen Wirtschaftswachstum und Börsensprünge gegenüber. Und die angeblich notorisch nörgelnden Deutschen sind so zufrieden wie noch nie: Das Emnid-Institut hat gerade herausgefunden, dass drei Viertel der Befragten sogar mit ihrem Beruf und Einkommen zufrieden sind.

Man möchte ihnen wünschen, dass sie es noch lange bleiben. Zufriedenheit und Optimismus sind viel geeigneter als Weltuntergangsstimmung, um Schwierigkeiten aller Art zu meistern. Und doch gibt nicht nur dieses so schillernde und grausame 20. Jahrhundert wahrhaftig Grund zur Sorge, sondern auch die augenscheinliche neue Sorglosigkeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Kaum ein Politiker und Publizist, Unternehmer oder Wissenschaftler traut sich, eine Prognose auch nur für die nächsten fünf Jahre zu formulieren: zu schnell schreitet die elektronische Revolution voran (und lässt auf fatale Weise das Lebenswerk und die Erfahrung der Älteren in der Welt von gestern zurück). Zu kompliziert sind die Forschungsfelder, als dass Einzelne noch die Kontrolle darüber behalten können. Zu abrupt vollzieht sich der Zusammenbruch der meisten Zwangsbeglückungs-Systeme in aller Welt.

Die Sorglosigkeit ist in Wirklichkeit Ratlosigkeit. Aber selbst das ist nicht nur eine Gefahr. Es ist ja gut, dass hoch entwickelte Gesellschaften nach so vielen zerstörten Illusionen auf einen pragmatischen Kurs gezwungen worden sind. Vielleicht entsteht dabei auch eine neue Wertschätzung der oft unterschätzten Tugenden der Demokratie - des Rechtes, Recht zu bekommen, etwa, oder der Möglichkeit, Regierungen und Kanzler abzuwählen.

Wir haben einen verlässlichen Rahmen, aber kein Bild. Deshalb muss nun diskutiert werden, was Gesellschaften künftig zusammenhalten wird, sollen sie zivilisiert bleiben. Die Problemfelder sind bekannt: die Durchsetzung von Menschenrechten, die soziale Gerechtigkeit, der Umgang mit der Gentechnologie, die Neubesinnung auf Regeln und Normen, die binden, aber nicht zwingen. Der ethische Grundsatz, dass niemandem angetan werden soll, was man selbst nicht erleiden will, bleibt richtig, aber er ist gewissermaßen mit neuen Ausführungsbestimmungen zu versehen. Nehmen wir es als Luxus und Chance, dass zu dieser großen Wende mehr Freude als Angst zu spüren ist. Wir können es uns leisten, Sorge zu tragen.

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