Politik : Sorge um Freunde

Alex K.lebt in Belgrad.Die junge Serbin, die von sich selbst sagt, sie sei von westlichen Idealen geprägt, beschreibt in ihrem Tagebuch, wie sie den Krieg in ihrer Stadt erlebt.Der Tagesspiegel veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Auzüge aus dem Tagebuch.Um sie zu schützen, können wir ihren richtigen Namen nicht nennen.Heute bringen wir ihre Eindrücken vom 7.Mai.Der Tagesspiegel meldete: "Belgrad läßt UN-Beobachter ins Land.Nato-Angriff auf Krankenhaus? Bundestag stimmt Entsendung weiterer Bundeswehrsoldaten zu."

Immer öfter haben wir Luftalarm auch am Tage.Stündlich hören wir von Orten in Serbien, die getroffen wurden und über Leben, die dabei verloren gingen.Manchmal habe ich das Gefühl, daß wir uns daran gewöhnt haben und daß unsere Toleranzgrenzen immer höher steigen.Am frühen Nachmittag höre ich, daß die Stadt Nis bombardiert worden sei.Ein Marktplatz und das Stadtkrankenhaus seien getroffen worden.Serbien ist ein kleines Land, und wir kennen jemanden persönlich fast in jeder Stadt.Mein Mann hat eine Freundin in Nis, Ärztin eben in dem Krankenhaus.Sobald wir die Nachricht hören, fängt mein Mann hektisch an, die Telefonnummer der Freundin anzuwählen, um zu erfahren, ob sie noch lebt.Es ist sehr schwierig durchzukommen.Endlich hat er Erfolg, Olga antwortet.Sie teilt uns mit, daß ihre Familie am Leben ist, daß es aber in der Stadt ein Blutbad gegeben habe.Zwanzig Menschen seien getötet und sechzig verletzt worden.Das Krankenhaus sei zum Teil zerstört worden.Angesichts der Tragödie ist man doch letztlich nicht immun.Mit Furcht erwarten wir die Nacht.Gegen neun Uhr abends sind wir wieder ohne Strom - wegen der Graphitbomben.Diesmal sind wir aber etwas mehr vorbereitet, wenigstens haben wir Kerzen auf jedem Tisch.Die Stadt wirkt geisterhaft in der Finsternis.Wir hoffen, daß es für heute alles war.

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