Politik : Sorry – war was?

DIE ENTSCHULDIGUNG

-

Von Harald Martenstein

Der italienische Staatssekretär Stefano Stefani hat sich bei den Deutschen für ein Missverständnis entschuldigt. Einige Deutsche glaubten, Stefanis Bemerkung, sie seien besoffen von aufgeblasener Selbstgewissheit, habe einen antideutschen Touch. In Wirklichkeit war es nett gemeint. Gleichzeitig ist Stefani zurückgetreten. Michel Friedman hat sich für Verschiedenes öffentlich bei seiner Freundin entschuldigt. Der amerikanische Präsident George W. Bush hat sich in Afrika – obwohl dies viele Menschen gerne gehört hätten – nicht für die Sklaverei entschuldigt. Sein Vorgänger Bill Clinton dagegen hat sich mehrfach öffentlich entschuldigt, unter anderem bei seiner Frau für die Sache mit Monica Lewinsky, bei Monica Lewinsky für die ihr entstandenen Unannehmlichkeiten und bei den Griechen für die Unterstützung der Militärdiktatur durch die USA.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Öffentliche Entschuldigungen sind modern. Die Mächtigen von heute gehören nicht zur Generation Golf. Sie gehören zur Generation Sorry.

Eine Entschuldigung ist ein schillernder, uneindeutiger Vorgang. Wer ist dabei oben, wer unten? Auf den ersten Blick sieht es aus, als beuge der sich Entschuldigende demütig das Haupt und akzeptiere die Autorität seines Gegenüber. Ob ihm vergeben wird, kann er nicht selber entscheiden. Andererseits übt eine Entschuldigung Druck aus, vor allem die öffentliche. Eine Bitte um Entschuldigung verweigert man nicht. Wer um Entschuldigung gebeten wird, der muss sie (zumindest nach außen hin) gewähren. Der Entschuldigungsverweigerer sieht verdammt schlecht aus. Mit der Entschuldigung kann man seine Schuld ein bisschen loswerden. Sie ist eine Last, die man geschickt jemand anderem zuschiebt.

So kann es zumindest sein. Es gibt solche taktischen Entschuldigungen, im Privatleben und erst recht in der Politik Versuche, aus der moralischen Defensive wieder in die moralische Offensive zu gelangen. Womöglich ist es manchmal die moralischere Haltung, sich nicht zu entschuldigen, sondern seine Schuld bei sich zu behalten und selber zu sehen, wie man damit zurecht kommt.

Was hatten zum Beispiel die Griechen von Bill Clintons Entschuldigung? Ein kurzes Gefühl der Genugtuung? Vielleicht. Viel war es jedenfalls nicht. In dem großen Topf, in dem wir das Private und das Politische, das Wichtige und das Unwichtige zusammenrühren, gehört die öffentliche Entschuldigung zu den eher schwachen Gewürzen. Sie kostet oft Überwindung, aber sie verpflichtet zu nichts, sie enthält kein nennenswertes Risiko, im Gegensatz etwa zum öffentlichen Ehrenwort – wer das Ehrenwort bricht, ist als Person erledigt. Deswegen wird das Ehrenwort deutlich seltener verwendet als die Entschuldigung.

Der Rücktritt von Stefano Stefani hat eine gewisse Bedeutung. Seine Entschuldigung aber war erstens überflüssig (keiner braucht sie), zweitens rechthaberisch (aha, die ganze Sache war also ein Missverständnis – hält der Mann uns für so blöde?).

Es gibt Entschuldigungen, die Bedeutung haben. Das bekannteste Beispiel ist der Warschauer Kniefall von Willy Brandt. Es lag nicht nur an daran, dass eine Geste meistens stärker wirkt als alles Gerede. Entscheidend war etwas anderes: Brandt musste sich nicht für die deutschen Verbrechen entschuldigen. Wenn irgendein deutscher Politiker das nicht nötig hatte, dann er, der Exilant und Mann des Widerstands gegen Hitler. Es war nicht nötig, er tat es trotzdem. Er nahm die Schuld anderer Leute freiwillig auf seine Schultern.

So etwas kommt selten vor. Aber man erkennt daran, was eine gute von einer schlechten Entschuldigung unterscheidet – vor allem die Freiwilligkeit. Die gute Entschuldigung kommt ohne Druck zustande, man erkennt in ihr keine egoistischen oder taktischen Hintergedanken. Die Generation Sorry produziert viele Entschuldigungen, aber nicht viele gute.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben