Politik : SO VIEL MEHR ALS NUR EIN SPIEL

SPORT: Ali Askar Lali (54), Fußballnationalspieler, gilt als Beckenbauer vom Hindukusch. 1981 kam er als Flüchtling nach Deutschland. Gemeinsam mit Holger Obermann (75), einst ARD-Sportreporter, treibt er den Aufbau des afghanischen Fußballwesens voran.

Holger Obermann Foto: picture-alliance / dpa
Holger ObermannFoto: picture-alliance / dpa

In der Blauen Moschee von Masar.

Hier befindet sich der Schrein eines Vetters des Propheten Mohammed – die Moschee ist

der wichtigste Wallfahrtsort der Schiiten.

In Afghanistan sind allerdings

80 Prozent der Muslime Sunniten.

Wie geht Ihnen das: Ist in diesen Zeiten, um Sie in Abwandlung eines Brecht-Gedichts zu fragen, ein Gespräch über Fußball fast ein Verbrechen, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?

OBERMANN: Im Gegenteil. Der Fußball kam zum richtigen Zeitpunkt in dieses geschundene Land. Als ich – gemeinsam mit Ali Askar Lali – den Anfang machte, begannen wir an der Basis: dem Straßenfußball. Unvorstellbar für Außenstehende, wie das Projekt einschlug. Endlich wieder Kinderlachen, Freude beim Spielen, Hoffnung auf eine bessere Zukunft, Zusammengehörigkeitsgefühl. Schließlich war unter den Taliban jegliches Spielen verboten und Zuwiderhandlungen wurden hart bestraft.

LALI: Wenn man über Fußball in Afghanistan spricht, möchte man damit auch das Schweigen über Untaten brechen. Fußball ist in Afghanistan mehr als nur ein Sportbetrieb.

Wie sind Sie anfangs vorgegangen?

OBERMANN: Wir hatten innerhalb weniger Wochen 100 Straßenfußballmannschaften aus dem Großraum Kabul zu betreuen. Danach bauten wir den Schulfußball auf. 5000 Zuschauer kamen zum ersten Endspiel der Schulen, einmalig diese Begeisterung. Als wir daran gingen, der Gründung eines Verbandes zur Seite zu stehen, ging es weiter aufwärts. Eine U18 war bald startklar für ein Spiel in Teheran gegen den Iran, es war das erste Spiel einer afghanischen Nationalmannschaft nach 30 Jahren. Schließlich suchten wir Spieler für die Nationalmannschaft. Dann bildeten wir Trainer aus. Schließlich starteten wir mit sieben Mädchen den Frauenfußball.

Herr Lali, Sie haben sich nach der Flucht wieder in Afghanistan engagiert – was hat Sie dazu motiviert?

LALI: Am 25. Oktober 1980 war ich mittags unterwegs von der Uni nach Hause, als ich zum zweiten Mal festgenommen wurde, weil ich an der Demonstration gegen den Einmarsch der Roten Armee am Tag davor teilgenommen hatte. Ich kam ein zweites Mal frei – weil ich Nationalspieler war. Dieses Glück hatten Tausende von Menschen nicht, die einfach umgebracht wurden. Mich beschäftigt immer der Gedanke, ob ich noch am Leben wäre, wenn ich nicht Fußball gespielt hätte. Ich glaube, dass man mit dem Fußball in unserem Land viele Probleme einfacher lösen könnte. Der große Erfolg des Fußballs in Afghanistan ist, dass sich alle Volksstämme dort zu Hause fühlen.

Herr Obermann, wie nehmen Sie Afghanistan wahr?

OBERMANN: Von Anfang an sehr, sehr positiv, noch heute erinnere ich mich an viele positive Momente, unter anderem der Gastfreundschaft. Und als Deutscher war ich überall sehr angesehen, was meine Arbeit sehr erleichterte. Hinzu kommt das herrliche Landschaftsbild, das sich in mir tief eingeprägt hat. Der Hindukusch ist etwas sehr Faszinierendes. Und um auf den Fußball zurückzukommen: Zu den Ligaspielen kamen bis zu 25000 Zuschauer. Am meisten überrascht waren wir, dass die offenbar keine Angst hatten, dass eine Rakete in die Menge einschlagen könnte. Wir, Ali und ich, gerieten dagegen bei Exkursionen zweimal in den Hinterhalt, hatten Glück, dass wir mit dem Leben davon kamen. Und: Vor allem die Medien waren begeistert, berichteten täglich, wollten immer wieder Neuigkeiten hören von Ali und mir, und die Radiosendung „Good Morning Afghanistan“ hatte jeden Morgen 15 Minuten Sport, 90 Prozent Fußball.

Haben Sie Angst vor einer Rückkehr der Taliban?

OBERMANN: Wenn ich ehrlich bin: ja. Nicht nur unsere Arbeit, die Freude machte und Freunde brachte, war dann völlig vergeblich. Frauenfußball beispielsweise wird es dann nicht mehr geben.

LALI: Je mehr ich mich mit Frauenfußball beschäftigt habe, umso mehr war ich von dem Mut der Frauen begeistert. Ich habe während meiner Arbeit festgestellt, unter welchen Bedingungen diese Mädchen spielen und in welche Gefahren sie sich begeben. Das hat mich mehr motiviert. Ich habe selbst erlebt, wie es ist, wenn man wegen Fußball bedroht wird. Besonders im Frauenfußball hat man gemerkt, dass Fußball viel mehr ist, als nur auf dem Platz zu spielen. Wenn die Rückkehr der Taliban- Herrschaft bedeuten würde, dass diese Frauen von den Fußballfeldern verbannt würden, dann bekomme ich Angst.

Welche Bedeutung hat Sport für die Afghanen auf ihrem Weg in die Zukunft?

LALI: Der Sport hat schon in den letzten Jahren einen großen Beitrag zur Einheit der Afghanen geleistet. Man erlebt, dass das Gefühl, eine Nation und ein Volk zu sein, nirgendwo so deutlich ist, wie es bei einem internationalen Sportwettbewerb mit afghanischer Beteiligung ist. Ich denke, dies ist die größte Wirkung des Sports in Afghanistan. Zudem ist nichts effektiver als der Sport, um Jugendliche anzusprechen. Im Umgang mit Drogen und Waffen ist der Sport der beste Weg, um Jugendliche von Süchten und Gewalt und von allen anderen Einflüssen dieser Art fernzuhalten.

OBERMANN: Die Bedeutung, die der Sport hat, ist gesellschaftspolitisch immens. Fußball zum Beispiel hat in der Anfangsphase, sagen wir in den letzten neun Jahren seit 2003, den Beteiligten und allen freiheitsliebenden Menschen in diesem Land, neue Hoffnung gegeben nach grausamen Jahren der Zerstörung und des Blutvergießens. Vor allem bei den jungen Menschen war der Fußball das Symbol einer Rückkehr in die Freiheit, hat alle sozialen Aspekte beinhaltet, die einer Gesellschaft guttun wie Lebensfreude, Hoffnung, Disziplin, ein neues, vorher nie gekanntes Gefühl des Zusammenhalts. Von den gesundheitlichen Aspekten des Sports einmal ganz abgesehen.

Die Fragen stellte Michael Schmidt.

Lali und Obermann wurden getrennt befragt.

Ski heil! Winterspaß unter ungewohnten Bedingungen verspricht die Provinz Bamian:

Es gibt keine Flugverbindung, keine Skilifte,

keine Restaurants, die sich zum Après-Ski eignen.

Wen das nicht abhält, den erwartet bester Pulverschnee.

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