Politik : Soweto: Ein Handy kann das Leben kosten

Martin Gehlen

Mphahlele Dodo telefoniert. Von seinem nacktem Brustkorb baumelt ein Plastikschlauch herab, neben ihm steht ein fahrbarer Metallständer mit Infusionsbeuteln. Seit zwei Tagen organisiert er sein Leben von einer öffentlichen Telefonzelle aus, die an der Stirnwand der chirurgischen Männerstation Nummer 12 hängt. Sein Handy ist weg, geklaut. Plötzlich sei ein Typ auf ihn zugekommen, erzählt er, habe eine Pistole gezückt und geschossen. Einfach so. Die Kugel durchschlug die Lunge und verletzte die Leber, bevor sie am Rücken wieder austrat. Nun hat Mphahlele Dodo eine 20 Zentimenter lange senkrechte Narbe am Bauch - von der Notoperation. Der zwischen den Rippen eingesetzte Schlauch soll den verletzten Lungenflügel reinigen und wieder zum Atmen bringen.

Alltag im Chris Hani Baragwanath Hospital, dem größten Krankenhaus auf dem afrikanischen Kontinent. Alltag in Soweto, der schwarzen Vorstadt von Johannesburg. Rund 300 Schwerverletzte werden jeden Tag in die Notaufnahme eingeliefert - die meisten mit Schuss- und Stichwunden oder Verbrennungen. Die Ärzte operieren, stellen keine Fragen, erstatten keine Anzeige.

"Gewalt ist hier eine tägliche Realität", sagt der katholische Pfarrer der benachbarten Gemeinde. Johannesburg gilt zusammen mit seinem schwarzen Township Soweto, wo während der Apartheid die schwarze Bevölkerung lebte, als Mord-Hochburg der Welt. Schätzungsweise 3,5 Millionen Menschen leben in dem ehemaligen Schwarzen-Ghetto. Die Straßen sind staubig, die wenigsten der ärmlichen Häuschen haben fließend Wasser oder Strom. Es gibt Gebiete, in denen Mafia-Banden die größten Arbeitgeber sind und Polizisten sich schon lange nicht mehr hintrauen.

Auch nach dem Ende der Apartheid hat sich in Soweto, Abkürzung für South-West-Township, wenig zum Besseren geändert. Zwar wurden zwei neue Polizeistationen gebaut, aber die Schulen, die Müllabfuhr, die Gesundheitsversorgung und der öffentliche Nachverkehr sind so schlecht wie zuvor. Unverändert trennen gigantische gelbliche Hügelketten aus Goldminenschutt zusammen mit einer Bahntrasse und vielspurigen Autobahn das weltbekannte Zentrum des Anti-Apartheid-Kampfes vom angrenzenden Johannesburg. Der Platz vor der Regina Mundi Kirche, wo die weiße Polizei während des Schüleraufstandes von Soweto im Juni 1976 über 300 junge Leute erschoss, wird zu einem Mahnmal umgestaltet. Erzbischof Desmond Tutu hat sein Haus in der Nähe, ebenso Ex-Präsident Nelson Mandela. Inmitten thront ein riesiges Kraftwerk. Dessen Strom fließt nach Johannesburg, die Abgase bleiben in Soweto - noch eine zynische Hinterlassenschaft der Apartheid.

Thami Mayisela, bei der Provinzregierung Gauteng zuständig für Polizei und öffentliche Ordnung, macht vor allem die Armut, aber auch die mangelhafte Professionalität der Polizei für die hohe Kriminalität verantwortlich. Die Moral der Truppe sei niedrig, die Korruption so hoch wie das Misstrauen der Bevölkerung. Als die Regierung Mandela 1994 ins Amt kam, sollten die Schwarzen plötzlich der vorwiegend weißen Polizei vertrauen und mit ihr zusammenarbeiten. "In manchen Gebieten gelang das, in vielen nicht", sagte Mayisela. Dort gelten die Polizisten immer noch als Feinde. In anderen Kommunen allerdings haben sich so genannte "Community Policing Forums" gebildet, in denen sich schwarze Bürger mit der Polizei zusammensetzen, über Gewalt und Verbrechen reden und den Ordnungshütern Tipps geben. Offizielle Statistiken über den Anstieg der Verbrechen hat die Regierung in Pretoria seit Juli 2000 per Dekret ausgesetzt. Man will das Land für westliche Investoren attraktiver machen. Da stören Horrormeldungen über Mord- und Totschlag nur.

In das Dienstzimmer von Patrick Ndopu, dem Polizeichef vom Soweto-Stadtteil Moroka, dringt Straßenlärm. Seit 1972 ist er Polizist und einer der ersten schwarzen Polizeichefs im Lande. Insgesamt sei die Kriminalität gesunken, versichert der korpulente, freundliche Herr. Schießereien und Vergewaltigungen gebe es in Soweto fast keine mehr. Handyraub und Autodiebstahl seien noch ein Problem. Zumindest diese Auskunft scheint zu stimmen: Am Eingang des Polizeihofes warnt ein großes Schild, die Polizei könne für die Sicherheit der geparkten Besucherautos keine Garantie übernehmen.

Mphahlele Dodo ist von der Telefonzelle zu seinem Bett zurückgekehrt. Insgesamt 40 Frischoperierte liegen mit ihm Seite an Seite in dem weißen Saal, der sich nur durch Plastikvorhänge teilen lässt. In einer Woche werde man ihn entlassen können, wenn keine Komplikationen auftreten, meint die Ärztin, während sie ein frisches Großpflaster auf die Schusswunde klebt. Auf die Frage, ob er dann zur Polizei gehen werde, schüttelt er matt den Kopf. "Das hat sowieso keinen Zweck", sagt er. "Ich bin froh, dass ich überhaupt noch lebe."

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