Politik : Sowjethymne: Mit dem alten Lied ins Neue Jahr

Elke Windisch

Die überwältigende Mehrheit von 381 Stimmen, mit der die Duma gestern die Rückkehr zur alten sowjetischen Nationalhymne beschloss, ist alles andere als eine Garantie für die Konsolidierung der tief gespaltenen Gesellschaft im postkommunistischen Russland, wie der Kreml hofft: Erstmals in der Geschichte des postkommunistischen Russland, so erregte sich Jabloko-Chef Grigorij Jawlinskij, sei die Opposition nicht einmal angehört worden. Mit der Rückkehr zur Sowjethymne sei klar, welchen Zeiten Russland entgegengehe. Jabloko prüft gegenwärtig die Möglichkeit für eine Verfassungsbeschwerde.

Für den Doppeladler als Nationalwappen stimmten 342 Abgeordnete, für die blau-weiß-rote Trikolore 341. 387 Stimmen gab es für die Vorlage, mit der die alte sowjetische Staatsflagge zur Flagge der russischen Streitkräfte wird. Bei diesen Symbolen ist sich Russland weitgehend einig. Das Gezänk um die Nationalhymne dagegen, das in den Medien seit Wochen ausgetragen wird, eskalierte zur Hysterie, nachdem Putin am Dienstag sein Paket von Gesetzen zur Staatssymbolik im Parlament einbrachte, mit dem das von Jelzin 1991 per Erlass bestätigte "Patriotische Lied" von Michail Glinka durch die Hymne der alten Union ersetzt werden soll. Am gleichen Tage noch veröffentlichte "Iswestija" einen offenen Brief an Putin von namhaften Intellektuellen, die gegen das Vorhaben protestierten.

Am Mittwoch dagegen meldete sich eine Gruppe mit ebenfalls sehr prominenten Namen zu Wort, die sich in einem offenen Brief ebenso leidenschaftlich für die alte Hymne einsetzte, deren "Musik den Wunsch nach Wiedererlangung einstiger Größe Russlands artikuliert." Gegen die Sowjethymne hat sich auch Ex-Präsident Boris Jelzin ausgesprochen: Das Lied erinnere ihn an Parteitage, auf denen die Apparatschiks ihre Macht für die Ewigkeit zementierten. Der kommunistische Dumapräsident Gennadij Selesnjow rügte offenkundige Gedächtnislücken des ehemaligen Politbüromitglieds Jelzin denn auch mit lautem Nachdenken über altersbedingte Sklerose. Spitzenfunktionäre der "Einheitspartei" dagegen, von denen die meisten schon unter Jelzin in die aktive Politik einstiegen und daher im tiefsten Inneren eher mit dem von Jelzin zur Hymne erhobenen Glinkalied sympathisieren, sind, nach Putins Liebeserklärung an das Sowjetlied, krampfhaft auf der Suche nach Gründen, die ihren Sinneswandel erklären können.

Die Fraktion brachte am Donnerstag in Umlauf, Alexander Alexandrow, der Komponist, habe 1940 eines der Motive von Robert Schumann abgekupfert. Dennoch: Schon in der Neujahrsnacht dürften Staatsfernsehen und -radio das Lied erstmals wieder abspielen. Vorerst ohne Worte. Die russische Hymne hatte keinen Text, die Worte der sowjetischen wurden mehrmals geändert und zum Schluss überhaupt nicht mehr gesungen. Chancenreichster Anwärter für einen neuen Text ist Sergej Michalkow (87), der schon den alten Text nebst Änderungen verfasst hat.

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