Politik : Sozialdemokrat der alten Schule

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Wiesbaden - Holger Börner war kein Freund der Grünen. Und doch bleibt das Bild aus dem Jahre 1985 haften: Der sozialdemokratische Ministerpräsident Hessens im Sonntagsstaat, daneben Joschka Fischer, in Jeans und Turnschuhen. Börner und Fischer bildeten damals die erste rot-grüne Koalition. Weil nach der Bonner Wende 1982 der hessischen SPD der liberale Koalitionspartner abhanden gekommen war, musste sich Börner schließlich dem Wunsch seiner Partei fügen. Das Bündnis war kein Erfolg, sondern endete mit dem Machtverlust der SPD in Hessen. Die Gegensätze in der Verkehrs- und Energiepolitik führten 1987 zum Bruch.

Börner ist in der Nacht zum Mittwoch nach langer Krankheit im Alter von 75 Jahren gestorben. SPD-Parteichef Kurt Beck würdigte ihn als einen „geborenen Sozialdemokraten“, dessen Familie für die Idee der sozialen Demokratie im Kaiserreich und unter der Nazi-Diktatur sogar Verfolgung und Haft hätte ertragen müssen. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) nannte Börner einen empfindsamen Menschen und großen Staatsmann.

Als Ministerpräsident stand der gelernte Betonfacharbeiter Börner zunächst nicht für ökologische Positionen, sondern für eine aktive Industrie- und Verkehrspolitik. Als Nordhesse kannte er die Probleme struktureller Arbeitslosigkeit. VW in Baunatal, die Hanauer Atomfabrik Nukem, Henschel und der ICE-Bahnhof in Kassel, das waren Börners Baustellen. Und die umstrittene Startbahn 18 West. Der Kampf um den Ausbau des Frankfurter Flughafens führte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Zwei Polizisten wurden erschossen, Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry (FDP) ermordet, möglicherweise von militanten Startbahngegnern.

Dass der Pragmatiker, der nach einem berühmt gewordenen Spruch bei den Grünen lieber mit der Dachlatte aufgeräumt hätte, sich auf das rot-grüne Wagnis einließ, begründete er mit staatspolitischer Notwendigkeit. Auch 1976, als er Ministerpräsident wurde, hatte er sich in die Pflicht nehmen lassen. Als SPD-Bundesgeschäftsführer war Börner eigentlich in Bonn unverzichtbar, als „Schmiermittel“ der Troika Willy Brandt, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, wie Börner später selbst formulierte. Doch die hessische SPD war nach einem Skandal um die Landesbank in einer tiefen Krise, die Börner erfolgreich beendete. Nach 1987 wirkte Börner hinter den Kulissen, etwa als Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zur Tagespolitik schwieg er hartnäckig. csl

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