Politik : Sozialdemokraten Ernst Welteke muss sich in Europa einreihen (Kommentar)

Martina Ohm

Mancher mag den Wechsel an der Spitze der Deutschen Bundesbank nur noch als herausgehobene Personalie begreifen; als Stabwechsel eben - von CDU-Mitglied Hans Tietmeyer an den Sozialdemokraten Ernst Welteke. Seit Anfang des Jahres, mit dem Start des Euro, hat die Europäische Zentralbank das Zepter für die europäische Geldpolitik übernommen und die Deutsche Bundesbank ihren neuen Platz in der Zweiten Liga besetzt. Allen Skeptikern zum Trotz vollzog die unantastbare Bundesbank klaglos und souverän den europäischen Schulterschluss. Die Politiker setzten sich durch. Die Mark wurde geopfert - als Preis für die Einheit Deutschlands und Europas.

Seit acht Monaten kümmern sich die deutschen Währungshüter als Art Hausbanker des Bundes nicht mehr um die ganz großen Themen, sondern um die kleinen Dinge des währungspolitischen Alltags. Nur noch der Bundesbankpräsident kann mit seiner Person und Stimme über den angemessenen Preis des Geldes im Rat der Europäischen Zentralbanker mitentscheiden - und damit auch Einfluss auf Investitionen und Verbrauch, auf Wachstum und Beschäftigung nehmen. Die Ära der Deutschen Bundesbank, deren Vorgaben die deutschen Partner so oft irritierten, wird mit dem Rückzug von Hans Tietmeyer endgültig abgeschlossen. Mit Hans Tietmeyer verlässt der letzte mächtige Bundesbanker die Bühne; einer, der sein Feld immerhin gut bestellte. Denn er prägte nicht nur die neuen Spielregeln für Europas Geldpolitik, er nahm auch Einfluss auf die neue Mannschaftsaufstellung. Kein Zweifel: Ohne Tietmeyer wäre auch Wim Duisenberg nicht erster Präsident der Europäischen Zentralbank.

So gesehen ist der Abschied von Hans Tietmeyer also weit mehr als eine Personalie. Denn er markiert einen Einschnitt in der europäischen Geldpolitik. Vor allem aber verflüchtigt sich mit dem Wechsel an der Spitze der Deutschen Bundesbank auch die "Idee Tietmeyer", die den Deutschen wiederholt den Vorwurf der Unnachgiebigkeit und Sturheit eingebracht hat. Keine Frage, auch Ernst Welteke bleibt dem Credo der Stabilitätspolitik verpflichtet. Der Maastricht-Vertrag gibt dem Euro ausreichend Halt und verbrieft die Unahhängigkeit der Europäischen Zentralbank. Und doch gehört die Geldpolitik deutscher Provenienz der Vergangenheit an. Mit der Wirtschafts- und Währungsunion sind die europäischen Bande enger geworden. Europas Geldpolitiker werden mehr Augenmaß beweisen müssen.

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