Politik : Sozialdemokraten erregen sich über den Buchautor Lafontaine

Robert Birnbaum

Er hat es geschafft. Alle reden von ihm. Sogar Joschka Fischer. Dabei hält der grüne Außenminister am Montag in Berlin doch die Laudatio auf das Buch eines ganz anderen Sozialdemokraten. "Dieses Buch fällt mir leichter vorzustellen", merkt Fischer an. Bei dem anderen sei er ja nicht gefragt worden. Aber wenn: "Vermutlich hätte ich auch zugesagt." Den Namen Oskar Lafontaine hat Fischer bis dahin nicht erwähnt, aber das muss er gar nicht: Es weiß eh jeder, um wen es geht. Zumal Rudolf Scharping, dessen Kosovo-Kriegstagebuch der Außenminister der Öffentlichkeit präsentiert, so freudig schmunzelt, als Fischer das Lob der Standhaftigkeit zu singen anhebt: "Man kann scheitern, man kann anderer Meinung sein, aber man kann nicht einfach davonlaufen."

Wer dageblieben, wer davongelaufen ist - man weiß es ja. Wahrscheinlich hat kein Buch jemals die Sozialdemokratie derart beschäftigt wie die 320 Seiten starke angekündigte Abrechnung ihres Ex-Ministers und Ex-Parteichefs Oskar Lafontaine. Besonders sauer sind viele Genossen darüber, dass der Ehemalige ihnen diese Beschäftigung über Wochen hinweg vermittels einer höchst mediengerechten Strategie aufdrängt: Erst Andeutungen, über Vertraute gestreut, dass das Opus pikante Details und deutliche Worte enthalten werde; dann ein Interview in der "Welt am Sonntag" mit ersten deutlichen Worten; zur Frankfurter Buchmesse demnächst das Werk selbst.

"Ein anständiger Kerl macht das nicht", hat der designierte Generalsekretär Franz Müntefering geknurrt. "Dass er sich jetzt meldet mit einem Buch und mit der Erwartung, dass die Mitglieder sich das Buch kaufen sollen, damit sie Begründungen haben für sein Verhalten, das ist das Tüpfelchen auf dem I."

Seine Stellungnahme, sagt Müntefering am Montag, habe das Präsidium zustimmend zur Kenntnis genommen. Lafontaines Verhalten nehme die Parteiführung ebenfalls sehr wohl zur Kenntnis. Mehr aber nicht: "Wir haben uns um Dinge gekümmert, die jetzt wichtig sind." Keine Diskussion, auch der Parteichef Gerhard Schröder habe sich überhaupt nicht mit Oskar befaßt.

Dafür tun es alle anderen. Da mag Fraktionsvize Michael Müller seine Parteifreunde ermahnen, sie sollten sich nicht wie ein "Hühnerhaufen" aufführen - jeder gibt seinen Kommentar. Der Linke Müller natürlich auch: Der "Versuch einer persönlichen Abrechnung" sei ja wohl mißglückt.

"Würdelos, dieses Nachkarten!", sagt Michael Naumann, Schröders Kultur-Staatsminister: "So lange in der Politik und so empfindlich!" Kurt Beck, SPD-Regierungschef in Rheinland-Pfalz, gibt zwar Mitleid mit dem Saarländer zu Protokoll, der sich "aus der SPD herausschreibt". Aber "abstoßend" findet er die "Lafontaine-Ergüsse" auch. Sein niedersächsischer Kollege Gerhard Glogowski greift sogar zur groben Verdächtigung: "Ich denke, er hat es in erster Linie auch gemacht, weil er Kohle dafür kriegt."

Nur versprengte Parteilinke wie der Abgeordnete Hermann Scheer halten Lafontaine das Recht auf freie Meinungsäußerung zugute: Oskar Lafontaine müsse der Partei die Motive für seinen Rücktritt erläutern dürfen. Die meisten SPD-Spitzenleute halten es hingegen mit Reinhard Höppner, dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt: "Er soll Privatmensch bleiben."

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