Sozialer Aufstieg : Gefangen zwischen den Welten

Sozialer Aufstieg heißt auch Abschied des alten Milieus. Der fällt oftmals schwerer als gedacht. Ein Kommentar.

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Foto: Rolf Vennenbernd dpa lnw

Wie kommen Kinder aus prekären Verhältnissen zu Erfolg, Wohlstand und Lebenszufriedenheit? Die Standardantwort lautet: durch Bildung, Bildung, Bildung. Diese Antwort ist genau so richtig wie unzureichend. Denn noch mehr als formale Bildungsangebote zählen persönlicher Ehrgeiz, die Unterstützung eines Lehrers – und die Bereitschaft, die Gepflogenheiten und Konventionen der neuen Mittelschicht einzuüben. Aufstieg bedeutet auch Ausstieg. Das „Wir“ des alten Milieus muss gekündigt werden. Das ist schwerer, als nur Abitur zu machen.

Wie hart es tatsächlich ist, lässt sich in ein paar Autobiografien eindrucksvoll nachlesen. Der französische Soziologe Didier Eribon, Arbeiterkind aus Reims (sein Buch heißt „Rückkehr nach Reims“), fand erst in der schwulen Szene in Paris endgültig aus seinem vorbestimmten Lebensweg heraus. Für JD Vance aus Ohio („Hillbilly Elegie“) war das Militär die Rettung. Die Heldin von Elena Ferrante (die unter einem Pseudonym den Roman „Meine geniale Freundin“ schrieb), erkaufte sich den Aufstieg aus der Armut der neapolitanischen Unterschicht durch bedingungslosen Fleiss, Anpassung und Unterwerfung. Sie befreite sich aus diesen Zwängen erst, nachdem sie bereits eine erfolgreiche Autorin war.

Das „Wir“ des Bürgertums steht den Aufsteigern im ganzen Leben nicht zur Verfügung

Die Aufsteiger beschreiben, wie schmerzhaft die wachsende Distanz zur Heimat, zu den Freunden und Familien ist. Sie schildern die abweisende Reaktion der gebildeten Gesellschaft, wenn die Neuen sich emanzipieren und tatsächlich mitspielen wollen. Das „Wir“ des Bürgertums steht ihnen im ganzen Leben nicht zur Verfügung. Erst ihre Kinder dürfen darauf hoffen.

Die erste Generation dagegen bleibt unter Stress, selbst wenn sie zu den besten Köpfen ihres Landes zählt. Die Emporkömmlinge werden Sportler, Journalisten, Investment-Banker, Politiker oder IT-Fachleute. Sie arbeiten in gesellschaftlich gemischten Verunsicherungszonen, in denen Leistung, Geld, Flexibilität oder Frechheit zählen, Herkunft und Benehmen dagegen nicht wichtig sind. Nur Gesellschaften, in denen diese Zonen groß sind und immer wieder neu entstehen, können eine hohe soziale Mobilität erwarten. Hier wird die Fremdheit mit dem neuen Milieu erträglich gemacht.

Die Erfolgsgeschichten zeigen, dass es geht. Sie machen aber auch deutlich, dass Bildung nur der notwendige Anfang von allem ist. Was danach kommt, kann man nicht lernen.

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