Soziales : Kein Aufschwung für die Unterschicht

Die Wirtschaft boomt, aber die Armen merken nichts davon. Eine wachsende Unterschicht vor allem im Osten bleibt vom derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung ausgenommen, sagt ein Jenaer Sozialwissenschaftler.

Jena - "Vom Aufschwung profitieren nur die Begüterten und Qualifizierten, nicht aber die schlechter Qualifizierten und Hartz-IV-Empfänger", sagte der Jenaer Sozialwissenschaftlers Roland Merten. "Um das Ausmaß der Misere zu begreifen, muss man sich deutlich machen, dass das so genannte abgehängte Prekariat in den alten Ländern vier Prozent, in den neuen aber ein Viertel der Bevölkerung umfasst."

In Thüringen sei das Problem vermutlich eher noch schlimmer. Waren im Jahr 2004 im Freistaat rund 23.000 Kinder unter 18 Jahren von Sozialhilfe abhängig, schnellte diese Zahl nach der Hartz-IV-Reform um mehr als 160 Prozent in die Höhe, erläuterte der Wissenschaftler. Thüringen liege damit bundesweit an der Spitze. "Die Grundidee, man müsse nur den Druck erhöhen, um Menschen in Arbeit zu bringen, hat sich als falsch erwiesen", betonte Merten. "Das ist in vielen Fällen so, als würde ich jemanden ins Wasser werfen und ihm sagen: Du sollst schwimmen." Mertens Hauptforschungsthema ist soziale Ungleichheit. Er spricht sich für die Einführung eines Mindestlohns aus.

"Immer deutlichere Spaltung der Gesellschaft"

Die Warnung des britisch-deutschen Soziologen Ralf Dahrendorf Anfang der 90er Jahre vor dem Entstehen einer neuen Unterschicht habe sich leider bewahrheitet. "Wir erleben eine immer deutlichere Spaltung der Gesellschaft", mahnte der Sozialpädagoge. "Während einerseits der Reichtum kontinuierlich wächst, nimmt zugleich die Armut ständig zu." Es gebe in Deutschland ganz klar ein Verteilungsproblem.

"Wir produzieren sehenden Auges fortlaufend die nächsten Problemgenerationen", sagte Merten. "Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, die oft schon in der zweiten und dritten Generation von Sozialhilfe leben, erfahren gar nicht, wie es ist, von normaler Erwerbsarbeit zu leben. Sie lernen dafür alle Kniffe und Strategien, um mit staatlichen Transferleistungen und ohne Arbeit über die Runden zu kommen." Das sei nicht nur für die betroffenen Familien, sondern vor allem auch gesamtgesellschaftlich verheerend.

Mehr Geld allein nützt nichts

Mehr Geld in die Familien zu geben, wie es derzeit diskutiert werde, sei wenig sinnvoll. "50 Euro mehr Kindergeld, das nützt allein nichts", unterstrich der Professor für Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität. "Wir wissen nicht, ob das Geld zielgerichtet ankommt. Die richtige Strategie ist, den Familien indirekte Transferleistungen zukommen zu lassen, die unmittelbar die Kinder erreichen. So müssen diese Familien freie Kita- oder Hortplätze erhalten, wo ihre Kinder auch gratis Essen und Trinken bekommen. Die Mädchen und Jungen können so die Bildungsangebote in den Einrichtungen nutzen, denn die brauchen sie am dringendsten. In manchen Unterschichtfamilien fehlt es ja sogar an Kinderbüchern."

Das Hauptproblem sei noch nicht einmal, dass Kinder in arme Verhältnisse hineingeboren würden. "Das Fatale ist, dass sie immer weniger Chancen haben, aus diesen herauszukommen", kritisierte Merten. Viele arme Familien seien von den Möglichkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung praktisch abgekoppelt. "Unser Schulsystem, das ganz auf Homogenität ausgerichtet ist, tut sein Übriges." In Thüringen und Sachsen gebe es gemessen an der Bevölkerungszahl so viele Sonderschüler wie in keinem anderen Bundesland. "Dies kann nur verändert werden, indem wir unsere Schulen nach dem Vorbild von Ländern wie Finnland umbauen, wo alle Kinder in die Regelschule integriert sind. Wir dagegen halten an unserem dreigliedrigen Schulsystem fest, das einerseits Privilegien und andererseits Misserfolge zementiert. Das ist reine Ideologie." (tso/Thomas Kunze, dpa)

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