Politik : Soziologin Seifert im Interview: Armee wird sich Frauen nur zögernd öffnen

Frau Seifert[mit was für Schwierigkeiten rec]

Die Militärsoziologin Ruth Seifert glaubt nicht, dass die Öffnung der Bundeswehr für Frauen nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) ohne jegliche Probleme vonstatten gehen wird. Mit der Regensburger Professorin sprach Thorsten Severin.

Frau Seifert, mit was für Schwierigkeiten rechnen sie infolge des EuGH-Urteils?

In den USA war das größte Integrationshemmnis die sexuelle Belästigung durch die Männer. Ich vermute allerdings, dass solche Übergriffe in der Bundesrepublik kein großes Problem darstellen werden. Schon allein, weil es bei uns die Idee der Inneren Führung gibt, durch die die Beziehung zwischen den Männern in der Bundeswehr anders ist als in der US-Armee. Hingegen wird es innerhalb unserer Streitkräfte wahrscheinlich zu Abschottungen gegenüber den Frauen kommen. Das heißt, den Soldatinnen werden viele Tätigkeitsfelder zunächst verschlossen bleiben.

Was sich jetzt schon abzeichnet?

Wenn Herr Scharping sagt, er wolle die Bereiche ausgucken, in denen Frauen verwendet werden können, wird eines schon deutlich: Die Bundeswehr hat mitnichten eine völlige Öffnung für Frauen im Auge. Stattdessen sollen die frauenverträglichen Positionen auskundschaftet werden. Und diese werden mit Sicherheit nicht in den kampfnahen Bereichen liegen. Insgesamt geschieht die Öffnung der Bundeswehr nicht freiwillig, sondern wird von den Luxemburger Richtern aufgezwungen. Wahrscheinlich wäre eine Öffnung für Frauen ohne das Urteil in absehbarer Zeit nicht zustande gekommen.

Ist das ein typisch deutsches Phänomen?

In anderen Ländern war das ähnlich. Egal ob Kanada, England oder den USA, auch in diesen Armeen war es der politische Druck von außen, der zu einer Öffnung geführt hat.

Warum weigern sich Armeen so standhaft, Frauen aufzunehmen?

Es spricht einiges dafür, dass dies mit dem symbolischen Stellenwert von Armeen in unserer Gesellschaft zusammenhängt. Die Streitkräfte sind zusammen mit den Kirchen das letzte männliche Refugium. Das heißt, sie pflegen in aller Regel eine Kultur, in der man Männlichkeit leben und bestärken kann. Diese symbolischen Funktionen von Armeen werden durch eine Integration empfindlich gestört.

Die Armeen würden das jedoch nie zugeben ...

Sie rechtfertigen ihren Widerstand zumeist mit klassischen Argumentationsmustern, die uns jetzt auch in der Bundesrepublik einholen werden. So wird meistens die psychische und physische Leistungsfähigkeit von Frauen in Frage gestellt. Darüber hinaus gibt es das sogenannte Schutz-Argument, nach dem Frauen vor Kriegseinwirkungen geschützt werden sollen. In der amerikanischen Debatte spielt außerdem eine Rolle, dass es der Natur der Frau widerspreche, zu verletzen und zu töten.

Hängen nicht auch viele Frauen an dem Mythos des Mannes als kämpfenden Helden?

Gerade in der deutschen Diskussion zeigt sich, dass viele Frauen einen Ausschluss ihrer Geschlechtsgenossinnen aus der Bundeswehr befürworten. Anders als in den angelsächsischen Ländern gibt es hier keine weibliche politische Öffentlichkeit, die die Öffnung der Armee engagiert unterstützt.

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