Politik : Späte Abrechnung: Nur unter Zwang

Tillmann Bendikowski

Das Gezerre um die Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter scheint beendet; die ersten Zahlungen an die noch lebenden Opfer haben begonnen. Doch die lange Debatte um das Leiden dieser Menschen und den angemessenen Umgang mit ihrem Schicksal hat in der deutschen Gesellschaft Spuren hinterlassen. Zu den zahlreichen Publikationen, die - nach jahrzehntelanger Nichtbeachtung des Themas - jüngst erschienen sind, zählen die Bücher von Matthias Arning und Mark Spoerer, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven diesem Aspekt der deutschen Geschichte nähern.

Der Journalist Matthias Arning hat sich in seiner knappen Studie "Späte Abrechnung" in erster Linie der aktuellen Frage der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter verschrieben. Eindrücklich beschreibt er dabei, "wie eine jahrzehntelange Blockade zu bröckeln" begann, wie also der seit Bestehen der Bundesrepublik unternommene Versuch doch noch scheiterte, einer Entschädigung der Zwangsarbeiter zu entgehen. Die zentrale Verantwortung dafür sieht Arning bei den Unternehmen: "Für sämtliche im Zusammenhang mit ehemaligen Zwangsarbeitern auftretende Fragen sei der Staat verantwortlich, heißt es unisono aus den Kommunikationsabteilungen deutscher Unternehmen bis in den Februar des Jahres 1999 hinein." Als jedoch die dunkle Vergangenheit der deutschen Konzerne in den USA wieder publik wurde, mussten diese ihre Haltung rasch überdenken: "Ohne die Sammelklagen, die damit drohenden Imageschäden und die von den Großbanken wegen ihrer Arisierungsgeschäfte befürchteten Forderungen jüdischer Organisationen wäre die deutsche Wirtschaft niemals zu dieser Geste moralischer Verantwortung bereit gewesen", urteilt Arning zu Recht.

Zunächst schlossen sich zwölf deutsche Konzerne zur Stiftungsinitiative zusammen, und es begannen Verhandlungen um die Höhe des Entschädigungsfonds und um die geforderte Rechtssicherheit. Diese Verhandlungen bilden den Kern dieser Darstellung; Arning schildert sie im Stile einer Reportage: Als "Geplänkel" und "Stimmungsmache" beschreibt er die ersten Wochen der Verhandlungen; einmal sieht er die Stiftungsinitiative "in der Klemme", weil sich zu wenige Unternehmen anschließen.

So ist Matthias Arning zwar eine durchaus lesenswerte Dokumentation der zähen Verhandlungen gelungen. Doch seine Darstellung liest sich allzu sehr wie eine Aneinanderreihung von Tageszeitungsbeiträgen, eine eigenständige Argumentation entwickelt der Autor nicht. Für jeden, der in den vergangenen zwei Jahren diese Debatte nicht verfolgen konnte, bietet das Bändchen eine schöne Zusammenfassung des Geschehens. Wer indes die Diskussion verfolgt hat, dem bietet sich hier kaum Neues.

Auf die Suche nach neuen Erkenntnissen über die Geschichte der Zwangsarbeit hat sich indes Mark Spoerer von der Universität Stuttgart-Hohenheim mit seiner Studie über "Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz" gemacht. Nun muss sich jede Studie mit dem Anspruch einer Überblickdarstellung mit Ulrich Herberts Studie über Politik und Praxis des "Ausländer-Einsatzes", inzwischen auch mit seiner "Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland" messen lassen. So gesehen bietet Mark Spoerers Buch, abgesehen von der Skizze um die Entschädigungsdebatte, im wesentlichen zwei zusätzliche Aspekte: Er präsentiert umfangreiches Zahlenmaterial zur Zwangsarbeit (er spricht insgesamt von 13,5 Millionen Menschen im "Arbeitseinsatz"), und er lenkt den Blick über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus.

Spoerer versucht beispielsweise, die Rekrutierung ausländischer Zivilarbeiter zwischen Anwerbung, Aushebung ganzer Jahrgänge und schließlich der Deportation zu beschreiben. Das Vorgehen unterschied sich in den besetzten Ländern erheblich voneinander. Anders als etwa in der Sowjetunion, wo die Deutschen von Beginn an Mord und Vertreibung als selbstverständliches Mittel des Terrors einsetzten, durchlief Italien geradezu mustergültig die verschiedenen Formen der Rekrutierung: Zunächst wurden freiwillige Saisonarbeiter angeworben, die in Deutschland anfangs eine Sonderstellung genossen, ehe angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels Arbeiter nach Deutschland zwangsverpflichtet wurden. Nach dem Sturz Mussolinis und der Unterzeichnung des Waffenstillstands zwischen Italien und den Alliierten änderte sich die Situation schlagartig. So begab sich die Wehrmacht nun - nach eigener Terminologie - gezielt auf "Sklavenjagd".

Insgesamt hat Mark Spoerer eine kenntnisreiche Studie vorgelegt, die einen zuverlässigen Überblick über das Thema gibt. Da ist es besonders schade, dass er viel zu ungeschickt versucht hat, die Frage der "Zwangsarbeit von Deutschen" noch in seine Darstellung hineinzupressen. Auf knapp drei Seiten bemüht er sich verzweifelt, Vergleiche als "völlig legitimes Vorgehen" der Geschichtswissenschaft darzustellen und etwa eine höhere Sterblichkeit für deutsche Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter in sowjetischen Lagern als für die Ostarbeiter in deutschen Händen zu vermuten. Bei diesem heiklen Thema - und vor allem bei dem schwierigen Geschäft des historischen Vergleichs - hätte er besser argumentieren und seine Fragestellung offen legen müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar