Späte Landlust : Rentner aus Berlin zieht es nach Brandenburg

Sie waren schon 70, da haben sie ein Haus gekauft im Oderbruch und sind von Berlin weggezogen. Viele Ältere entdecken eine späte Landlust in Brandenburg und stellen fest: Hier kann man sich nützlich machen.

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Berliner Rentner ziehen ins Oderbruch
Platz für Neuankömmlinge. Im 18. Jahrhundert wurde das Oderbruch dem Fluss abgerungen und ist seitdem nur dazu da, besiedelt zu...Foto: Thomas Langreder / VISUM

Beim Auspacken der Umzugskisten ist den beiden aufgefallen: Sie sind alte Leute, und nach Lage der Dinge würde sich daran auch nichts mehr ändern. Die Umzugskisten waren voller Bücher, die meisten davon bereits gelesen, etliche aber auch nicht. Die ungelesenen verlangten danach, endlich zur Kenntnis genommen zu werden, die gelesenen forderten ein zweites Mal.

Bloß wann sollte das passieren? Haben wir noch die Zeit dafür? Luise und Götz Bernau beschlossen sofort, diese beiden Fragen mit „zukünftig“ und mit „ja“ zu beantworten. Es blieb ihnen dann nur noch zu klären, wie sie das bewerkstelligen sollten, und ebenso rasch fassten sie dann den Entschluss, fortan auf eine Maschine zu verzichten, die sie ohnehin schon eine Weile als Zeittotschläger verdächtigten: den Fernseher.

Nun, eineinhalb Jahre später, sitzen sie hier in ihrem Wohnzimmer, in dem die Bücher mittlerweile die Wände füllen, es gibt ein Lesepult, wie auch Goethe eines hatte, und sie machen einen zufriedenen Eindruck. Wenn es stimmt, dass Bücher besser sind als Fernseher, haben die beiden ein schöneres Leben als zuvor.

Foto: Torsten Hampel
Zugereist. Das Ehepaar Götz und Luise Bernau.

Rentner - der Schrecken der Demografie

Die Bernaus. Sitzen in ihrem Haus und sind alt und grauhaarig. Senioren sind sie, so lautet die um sich greifende, kopftätschelnde Sprachregelung. Meistens benutzt von Jüngeren, die damit wohl das Wort „Alte“ umgehen wollen, gleichzeitig irgendeine Art von Verständnis für die Last der vielen Jahre heucheln; in Wahrheit aber zeigen sie doch eher ihr Mitleid und ihre Verachtung. Senioren sind immer die anderen. Oder Rentner, die wegen ihrer großen Zahl die politischen Parteien vor sich hertreiben. Die nur an ihre eigenen Interessen denken und zwischendurch auf Harley-Davidson-Kopien die Straßen im Hinterland von Mallorca verstopfen, ansonsten die deutschen Supermarktkassen. Wenn sie gesund sind, nennt man sie rüstig.

Vor allem aber: Sie sind der Schrecken der Leser und Auftraggeber demografischer Studien. Das Land wird immer älter, der Osten sowieso, und dessen Ränder am schnellsten. Ein Problem! Eine Herausforderung! Wir müssen in den nächsten Legislaturperioden rollatorenfreundliche Gehwege bauen!

Und dann sitzen diese Bernaus zufrieden in ihrem fernseherlosen Wohnzimmer im Oderbruch-Dorf Neumädewitz, dessen Altersdurchschnitt sie mit ihrem Herzug in die Höhe getrieben haben. Durchs Fenster schauen sie auf den Friedhof und auf Polen, und trotz der Bücher haben sie in der kurzen Zeit ihres Hierseins Sachen hinbekommen, an die die Jüngeren hier vorher nicht einmal gedacht hatten.

Götz Bernau sagt: „Naja, wir wollen mal nicht übertreiben.“ Sie haben vor drei Jahren – beide waren sie gerade 70 geworden und hatten mehr als vier Jahrzehnte in Berlin gewohnt – ein aufgegebenes Haus am Ostrand Brandenburgs gekauft und richten es allmählich wieder her. Seitdem 2012 die Heizung drin war, leben sie hier. Sie haben Quitten und Stachelbeeren in den Garten gepflanzt.

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