Politik : Spätes Eingeständnis

Bei der Trauerzeremonie für die Opfer von Srebrenica spricht der UN-Vertreter von „ernsthaften Fehlern“

Markus Bickel[Srebrenica]

Die Toten kamen schon am Wochenende an. Ein Lkw-Konvoi hatte die 610 mit dünnem grünen Stoff überzogenen Särge am Samstag aus Visoko nahe der bosnischen Hauptstadt Sarajevo bis Srebrenica gefahren, wo sie bis zur großen Gedenkfeier auf dem Gelände des ehemaligen Hauptquartiers der UN-Blauhelmtruppen lagerten. Aus mehr als 60 Massengräbern stammen die Leichenreste, die erst nach aufwändigen DNA-Analysen identifiziert werden konnten. Zur Zeit ihres Todes waren sie zwischen 14 und 75 Jahren alt. Am Montagnachmittag schließlich brachten Überlebende des größten Massakers in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges die Särge unter die Erde. Zwei Jahre nach der Eröffnung des Friedhofs im vier Kilometer nördlich von Srebrenica gelegenen Potocari erhöhte sich die Zahl der Begrabenen damit auf knapp 2000.

Tausende Menschen gedachten am Montag in einer Trauerzeremonie zum zehnten Jahrestag des Massakers an bosnischen Muslimen in Srebrenica der Opfer. Unzählige mit Kopftüchern gekleidete Frauen, ältere Männer, aber auch viele Jugendliche erwiesen den Toten die letzte Ehre – direkt gegenüber dem einstigen Basislager der niederländischen Unprofor-Einheiten in Potocari. Am 11. Juli 1995 hatten sich zehntausende Flüchtlinge aus der von bosnisch-serbischen Truppen überrannten Kleinstadt Srebrenica hierhin aufgemacht, weil sie auf den Schutz der Weltorganisation setzten. Doch vergebens: Kampflos überließen die als „Dutchbats“ bezeichneten Soldaten die zwei Jahre zuvor zur Schutzzone erklärte Gegend dem Armeechef der Republika Srpska (RS), Ratko Mladic. Vor den Augen der Blauhelm-Truppen trennten dessen Männer muslimische Männer und Jugendliche von den Frauen. Bis zu 8000, so ein voriges Jahr vorgelegter Bericht der RS-Regierung, seien in den Tagen danach in Orten in der Umgebung von Srebrenica hingerichtet worden.

Wie die Anwältin Liesbeth Zegveld in Amsterdam mitteilte, haben Angehörige von Opfern Anzeige gegen den niederländischen Staat erstattet. Die Kläger werfen der damaligen niederländischen Militärführung vor, nicht alles getan zu haben, um ihre Angehörigen zu retten.

Bosniens Präsident Sulejman Tihic warf indes den Vereinten Nationen in seiner Rede bei der Trauerzeremonie vor, „versagt zu haben“. Schon im Vorfeld der Gedenkfeier hatte es in bosnischen Medien Kritik gegeben, dass das Engagement der Weltorganisation für Bosnien trotz der Versäumnisse nie besonders verstärkt worden sei. UN-Generalsekretär Kofi Annan schickte lediglich seinen Sondergesandten Mark Brown zu der Feier. In seiner Rede gestand er immerhin ein, dass 1995 „ernsthafte Fehler“ gemacht wurden: „Die Tragödie von Srebrenica wird uns für immer verfolgen.“

Wie die anderen Redner forderte Brown die Verhaftung der Hauptverantwortlichen für das Massaker, Ex-RS-Präsident Radovan Karadzic und dessen Armeechef, Mladic. Doch für die vielen bosnischen Gäste der Gedenkfeier, die immer wieder in kleinen Gruppen weinend neben den offenen Gräbern standen, wäre wohl auch das nur ein schwacher Trost. Bisher gelang es den unter Federführung der in Sarajevo ansässigen Internationalen Kommission für vermisste Personen (ICMP) zusammenarbeitenden Experten, 2079 Opfer zu identifizieren. Anhand der Vermisstenmeldungen schätzen die Behörden, dass insgesamt 7800 Menschen in Srebrenica getötet wurden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben