Spaniens neue politische Kraft : Protestpartei sagt dem Establishment den Kampf an

Der 36-jährige Politikdozent Pablo Iglesias ist jetzt Chef der erfolgreichen spanischen Protestpartei Podemos. "Die Empörten

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Gibt sich kämpferisch und entschlossen: Podemos-Chef Pablo Iglesias
Gibt sich kämpferisch und entschlossen: Podemos-Chef Pablo IglesiasFoto: AFP

Er wettert wie kein anderer gegen das "korrupte System" und die "soziale Ungerechtigkeit" in Spanien. Mit hochgekrempelten Ärmeln und im weißen Hemd verspricht Pablo Iglesias, "die Gesellschaft durchzufegen" und die "Wirtschaft zu demokratisieren". Seine wilden langen Haare bändigt der frisch gekürte Chef der steil aufsteigenden Protestpartei Podemos (Wir schaffen es) mit einem Gummiband hinterm Kopf. Mit seinem Äußeren erinnert er ein wenig an einen Hippie der 70er Jahre. Der 36-jährige Madrider ist jedoch alles andere als ein Relikt vergangener Zeiten, sondern der neue Star der spanischen Politik.

Am Wochenende wurde dieser wortgewaltige Linksrebell mit überwältigender Mehrheit zum offiziellen Parteivorsitzenden von Podemos gewählt. Und zwar in einer basisdemokratischen Abstimmung, an der per Internet alle Bürger mitmachen konnten – etwas mehr als 100 000 Online-Stimmen gingen ein. Die junge Partei, die "eine demokratische Revolution" verspricht und von ihren Gegnern des "linken Populismus" beschuldigt wird, setzt durchweg auf Bürgerbeteiligung.

Mit Zopf und Backenbart

Wenn der studierte Politologe Pablo Iglesias mit Zopf und Backenbart seine Pfeile verschießt, wirkt er fast wie eine moderne Version von Robin Hood. Auch wenn seine politischen Waffen deutlich moderner sind: Das wichtigste Schlachtfeld der "Empörten"-Partei ist das Internet, wo Podemos auf Facebook mit 850 000 Anhängern zehn Mal mehr Sympathisanten hat als die in Spanien regierenden Konservativen um Ministerpräsident Mariano Rajoy.

Vor allem bei der jüngeren Generation Spaniens, die unter einer besonders hohen Arbeitslosenquote leidet, hat die immense Wirtschaftskrise zu großem Frust geführt. Und der nährt die boomende Protestbewegung. So ist Pablo Iglesias für viele junge Spanier ein Held. Und er verkörpert für viele die Hoffnung, dass ihre Ängste und Sorgen doch noch ernst genommen werden. Außer Frage steht, dass Iglesias über alle Parteigrenzen hinweg der neue Star auf der politischen Bühne ist: Noch nie schaffte ein Newcomer, was dieser 36-jährige Universitätsdozent aus einem Arbeiterviertel der Hauptstadt Madrid in so kurzer Zeit vollbrachte: das etablierte Parteiensystem Spaniens zum Wanken zu bringen und so etwas wie Aufbruchsstimmung aufkommen zu lassen.

"Wir gehen aufs Ganze"

Schon vier Monate nach der Gründung seiner Protestpartei, die Anfang des Jahres aus der Bürgerbewegung der „Empörten“ entstand, errang Iglesias mit Podemos bei der Europawahl im Frühjahr acht Prozent der Stimmen und fünf Mandate in Brüssel. Jetzt, im November, sehen ihn die Umfragen in der Wählergunst schon auf einer Höhe mit den beiden großen Parteien, der regierenden konservativen Volkspartei und der oppositionellen Sozialistischen Arbeiterpartei. "Fünf EU-Abgeordnete sind schön und gut, aber nicht ausreichend, um die Dinge zu ändern", sagte Iglesias der Online-Zeitung "Público". Und er fügt hinzu: "Wir gehen aufs Ganze. Wenn wir bei Wahlen kandidieren, wollen wir auch gewinnen."

Wenn dieser kometenhafte Aufstieg weitergeht, ist nicht mehr ausgeschlossen, dass nach den Parlamentswahlen im Herbst 2015 ein Ministerpräsident mit Pferdeschwanz in Spanien regiert. In Sachen Popularität liegt Iglesias jetzt schon weit vor dem konservativen Premier Rajoy, dessen Ansehen nach immer neuen Korruptionsskandalen in seiner Partei im Keller ist.

Es hat fast den Anschein, als ob "Wir schaffen es" einfach nur zu warten braucht, um neue Triumphe zu feiern. In den Politikern der etablierten Parteien sieht Iglesias ohnehin eine "Kaste", die gemeinsam mit den Chefs der großen Unternehmen die Macht monopolisiere und keine wirkliche Demokratie zulasse. Das Erfolgsgeheimnis sei eigentlich ganz einfach, sagt der Chef-Rebell: "Podemos ist das Ergebnis des Scheiterns der Herrschenden."

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