Politik : Spanier fürchten sich vor Einwanderern

Die meisten Illegalen kommen aus Osteuropa. Doch Bilder erschöpfter Afrikaner bestimmen die Debatte

Ralph Schulze[Madrid]

Die große Zahl afrikanischer Einwanderer nach Spanien wird zunehmend zum politisch heißen Eisen. Umfragen zufolge sind mehr als zwei Drittel der spanischen Bevölkerung der Meinung, dass das Boot voll ist. Der Ausländeranteil an der Bevölkerung von 44 Millionen Menschen nähert sich der Zehn-Prozent-Marke. Schätzungen zufolge reisen pro Jahr rund eine Million illegale Einwanderer nach Spanien ein. Die meisten kommen allerdings nicht mit kleinen Booten aus Afrika, sondern mit Touristenvisa aus osteuropäischen und südamerikanischen Ländern.

Die Mehrheit der Spanier kreidet dem sozialdemokratischen Regierungschef Jose Luis Zapatero an, mit der Legalisierung von rund 600 000 illegalen Einwanderern im vergangenen Jahr den Ansturm noch verstärkt zu haben. Der konservative Oppositionschef Mariano Rajoy sagt: „Das Problem, das heute die Spanier am meisten beunruhigt, ist die Einwanderung.“ Zapatero kündigte derweil im Parlament, die Massenabschiebung illegaler afrikanischer Einwanderer von den Kanarischen Inseln an. Die Einwanderung müsse legal und kontrolliert stattfinden „entsprechend den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes“. Senegal, derzeit eines der Hauptherkunftsländer, hat der Rückführung eigener Landsleute zugestimmt. Allerdings war die senegalesische Seite mit dem Ablauf der ersten Massenabschiebung am Mittwoch sehr unzufrieden. 99 Flüchtlinge waren von den Kanaren nach Dakar geflogen worden. Ihnen war vorgetäuscht worden, sie würden auf das spanische Festland gebracht, zudem mussten sie Handschellen tragen. Innenminister Ousmane Ngom foderte von den spanischen Behörden die illegalen Einwanderer mit Respekt zu behandeln. Daraufhin stoppte Spanien zunächst die bisher täglich geplanten Abschiebungsflüge.

Seit Jahresbeginn sind nahezu 9000 afrikanische Wirtschaftsflüchtlinge auf den Kanarischen Inseln angekommen – so viele wie noch nie. Von Mitte Juni an soll eine europäische Patrouillenflotte die westafrikanische Atlantikküste überwachen. Spanische Medien berichten, dass die EU-Flotte Flüchtlingsboote aufspüren, stoppen und zur afrikanischen Küste zurückschicken soll. Ähnlich geht derzeit bereits ein spanisches Küstenwachtschiff vor, das in den vergangenen Tagen drei Schiffe mit fast 200 Flüchtlingen aufbrachte und zurückschickte.

Zur Angst vor einer Überfremdung in Spanien gesellt sich eine Kampagne der konservativen Opposition, welche die „unkontrollierte“ Einwanderung in Verbindung bringt mit einer „importierten Kriminalität“. In der Tat ist die spanische Bevölkerung alarmiert durch fast tägliche Schlagzeilen über brutale Raubüberfälle, die von der Polizei osteuropäischen oder lateinamerikanischen Banden zugeschrieben werden. Die afrikanischen Einwanderer haben damit wenig zu tun. Sie finden oft als Erntehelfer ein Auskommen. Die Afrikaner garantieren als billige Arbeitskräfte, dass die nach ganz Europa exportierten Erdbeeren oder Paprika zu Schleuderpreisen verkauft werden können.

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