Politik : Sparen durch alte Pillen

Gesundheitsexperte will Recycling von Arzneien

Vanessa Barth

Wie sich Zeiten ändern können. Vor vier Jahren begann der Arzt Bertel Berendes, unverbrauchte Medikamente kostenlos an seine Patienten weiterzugeben. Das spart dem Gesundheitswesen Geld, dachte er. Außerdem er sah nicht ein, warum man die teuren Pillen wegwerfen sollte. Bald jedoch fand sich der Mediziner vor Gericht wieder, bedroht von einem Ordnungsgeld und einer Gefängnisstrafe. Unter dem Eindruck von Sparzwang und steigenden Kassenbeiträgen setzt jedoch offenbar ein Umdenken ein. Denn kein Geringerer als der Regierungsberater und Gesundheitsökonom Karl Lauterbach fordert nun genau dies: Medikamente, die verpackt sind und deren Verfallsdatum noch nicht abgelaufen ist, sollen weiter verwendet werden. „Bisher wurde argumentiert, Arznei-Recycling sei nicht sicher. Ich kann nicht einsehen, warum wir von vier Milliarden Euro Medikamentenmüll nicht die Hälfte einsparen können", sagte Lauterbach dem Tagesspiegel. Auf ein konkretes Recycling-Modell will sich der Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie bislang nicht festlegen. Denkbar ist für ihn, dass Apotheken die Verteilung übernehmen. Einsammeln würden die angebrochenen Schachteln Ärzte und Apotheker gemeinsam.

In Kanada und Schweden sind solche Formen von Pillen-Recycling bereits weit verbreitet. Für Altenheim- und Pflegeheimbewohner beispielsweise wird ein Großteil der Arzneien in der Apotheke gelagert. Ausgehändigt wird den Patienten nur die benötigte Wochenration. Auf diese Weise kann eine Verpackung von 100 Tabletten durchaus von vier Personen gemeinsam aufgebraucht werden. Auch wenn ein Patient stirbt, können die Medikamente weiter verwendet werden. In Deutschland ist dies bislang nicht möglich. Aber das könnte sich bald ändern – vielleicht.

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