Politik : Spart euch reich

Von Harald Schumann

-

Deutschlands Strombosse haben ihr Urteil über das heutige Gespräch mit der Bundesregierung zur künftigen Energieversorgung schon gefällt. Er erwarte „keine befriedigenden Antworten“, weil der Atomausstieg nicht zur Debatte stehe, sagte Jan Zilius, Chef der Stromsparte beim RWE-Konzern. Auch seinem Kollegen Klaus Rauscher vom deutschen Zweig des Vattenfall-Konzerns passt die Tagesordnung nicht. Darum drohte er mal wieder mit Investitionsstopp, weil er die Rücknahme der vom Wirtschaftsminister angekündigten Verschärfung der kartellrechtlichen Kontrolle der Branche verhandeln will.

Mit aller Macht versuchen die Dirigenten der Stromindustrie, auf diesem Weg der Regierung – und indirekt der ganzen deutschen Gesellschaft – ihre kleinkarierte Agenda aufzuzwingen. Um die Traumrenditen aus längst abgeschriebenen, jahrzehntealten Atomkraftwerken zu verteidigen und ungehindert die höchsten Strompreise in Europa einzustreichen, verstricken sie die große Koalition in einen Dauerstreit um die Atomkraft und die Preisregulierung. Auf der Strecke bleibt, was eigentlich verhandelt werden soll: ein zukunftsfähiges Energiekonzept.

Doch das können wir uns nicht länger leisten. Längst ist klar, dass der drohende Klimawandel einen radikalen Strukturwandel bei der Erzeugung und der Nutzung von Energie aller Art erzwingen wird. Der Konsens der Fachleute lautet, dass die Wohlstandsländer bis 2020 ihre Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid um 40 Prozent senken müssen, wenn eine globale Dauerkatastrophe vermieden werden soll. Dabei bietet die Atomkraft keinen Ausweg. Um auch nur zehn Prozent des Stroms aus Kohle, Öl und Gas zu ersetzen, müssten weltweit über 1000 Reaktoren zusätzlich gebaut werden, und das auch dort, wo niemand die nötigen Kontrollen gewährleisten kann. Sicher wäre nur der vielfache Super-GAU, gleich ob durch Terror, Krieg oder Versagen von Mensch und Technik. Die Atomkraft ist nicht globalisierbar, aber genau das ist das Kriterium, was zählt. Die reichen Staaten, in denen ein Viertel der Menschheit drei Viertel aller Ressourcen verbraucht, weisen dem Rest der Welt den Weg, ob sie das wollen oder nicht.

Die gute Nachricht lautet: Es gibt Konzepte, die eine weltweite Lösung bergen. Eines davon ist heute das zentrale Thema im Kanzleramt. Die Steigerung der Effizienz bei der Energienutzung ist die billigste und sauberste Energiequelle überhaupt. Allein die strikte Bekämpfung des überflüssigen Stand-by-Verbrauchs bei Geräten aller Art würde zwei Atomkraftwerke überflüssig machen. Technisch wäre es kein Problem, binnen 15 Jahren ein Fünftel des heutigen Stromverbrauchs einzusparen, und das mit volkswirtschaftlichem Gewinn. Der Aufwand für die nötige Investitionsförderung käme über die eingesparten Energiekosten wieder herein. Zugleich würde ein solches Crashprogramm der deutschen Industrie einen milliardenschweren Exportmarkt sichern und zigtausend zusätzliche Jobs schaffen. Zu diskutieren wäre also, was unter anderem die Stromindustrie beizutragen gedenkt. Negawatt statt Megawatt ist das Gebot der Stunde.

In diesem Zusammenhang wäre auch zu klären, warum die Stromwirtschaft ihrer Selbstverpflichtung zur Kraft- Wärme-Koppelung (KWK) nicht nachkommt. Die Niederlande etwa erzeugen 40 Prozent ihrer Elektrizität in solchen Anlagen, die gleichzeitig Strom und Heizwärme erzeugen, und vermeiden so zig Millionen Tonnen Kohlendioxid. In Deutschland sind es gerademal zehn Prozent. Die Stromer versprachen vor vier Jahren eine Verdoppelung bis 2010. Doch geschehen ist bisher nichts. Zu reden wäre schließlich auch noch darüber, warum die Stromindustrie die Verteilernetze nicht schneller ausbaut, so dass der Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 wie angestrebt von zehn auf 20 Prozent steigen kann. Nicht weil das irgendwelchen Öko-Freaks gefällt, sondern weil es auf Dauer gar keine Alternative gibt.

Das wären die Beiträge, die die Herren Zilius, Rauscher und ihre Kollegen schuldig sind. Wenn sie das nicht bieten können, sollte die Energiepolitik künftig besser ohne und gegen sie geplant werden.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar