SPD : "Bittere Nacht, bittere Stunde"

Kurt Beck schreibt seine Memoiren und rechnet ab: Der zurückgetretene SPD-Chef erinnert sich an seinen Sturz und rügt Münteferings schweigsamen Führungsstil. Für seinen Rücktritt macht Beck gezielte Indiskretionen verantwortlich - und er nennt Namen.

Hans Monath
SPD
Aneinander vorbei. Franz Müntefering und Kurt Beck. -Foto: dpa

BerlinAuch ohne Psychologiestudium kann man zu dem Schluss kommen, dass Kurt Beck das Treiben von Franz Müntefering schon längere Zeit mit Groll in der Brust verfolgte. Bezeichnend war seine Reaktion auf den viel umjubelten Wahlkampfauftritt Münteferings in Bayern („Heißes Herz und klare Kante“), den viele als Anmeldung eines Führungsanspruchs verstanden. Gefragt nach der Rückkehr Münteferings in die Politik, blaffte Beck damals ein sarkastisch-aggressives „Herzlich willkommen!“ in eine Kamera und drehte sich sofort weg. Nur wenige Tage danach trat der Mainzer Politiker als SPD-Chef zurück.

Nun hat sich Beck zum ersten Mal seit seinem Rücktritt ausführlicher darüber ausgelassen, was ihn an seinem Nachfolger als SPD-Vorsitzendem stört. Kurz nach dem dramatischen Wochenende hatte Beck Müntefering und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier formal vor Intrigenverdacht in Schutz genommen: Es sei „niemand aus der ersten Reihe“ gewesen. In den in der „Bild“-Zeitung abgedruckten Auszügen aus seinem Buch („Kurt Beck. Ein Sozialdemokrat“) fehlt diese Einschränkung, so dass der Schluss von der Müntefering-Kritik zur Schuldzuschreibung für die Demontage des damals amtierenden SPD-Chefs Beck im Umfeld der Wahl von Steinmeier zum Kanzlerkandidaten nahe liegt.

Müntefering, der seiner Partei nun Mut geben will, erscheint in Becks Darstellung als ein Politiker, der sich in seiner Zeit als Vizekanzler (2005 bis 2007) gerade nicht um ein eigenständiges SPD- Profil bemühte. Perspektiven über das Ende der Legislaturperiode hinaus habe dieser damals „nicht für angemessen“ gehalten, schreibt Beck und fügt in Anspielung auf Münteferings Art der begrenzten Kommunikation hinzu: „Oder er fand es besser, nicht darüber zu reden.“ Sich selbst beschreibt Beck als einen Politiker, der „neue Brücken“ baue, wo die Politik Menschen verletzt habe: „Genau das gehört zwingend dazu. Und da behaupte ich, dass ich näher an der Realität des Lebens bin, als es manch anderer ist.“

Offen referiert der Ex-Parteichef seinen Fehler vor der hessischen Landtagswahl, als er ausplauderte, dass sich in Hessen die SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti entgegen allen Versprechungen von der Linken tolerieren lassen könne. In dieser Krise habe er „durch die Ankündigung einer richtigen Konsequenz zum falschen Zeitpunkt“ seine Chance eingebüßt, selbst als SPD-Spitzenkandidat in den Bundestagswahlkampf zu ziehen.

Noch einmal bekräftigt der Mainzer Ministerpräsident die Deutung, wonach am entscheidenden Wochenende gezielte Indiskretionen ein Bild zeichneten, das ihn als vollständig entmachteten Parteichef dastehen ließ und ihm schließlich keine Wahl als den Rücktritt mehr ließ. Dass entgegen seinem ausdrücklichen Willen dann in kleiner Runde Franz Müntefering als sein Nachfolger vorgeschlagen wurde, schmerzte Beck: „Eine bittere Nacht und eine bittere Stunde für mich.“

Ursprünglich hatte Ex-Kanzler Gerhard Schröder das Buch am Donnerstag vorstellen sollen. Der Vorabdruck legt nahe, dass Beck dies nicht mehr wünschte, weil er auch Schröder als Mitverschwörer sieht. So schreibt er über Einzelheiten der von wenigen „Eingeweihten“ durchgestochenen Informationen, „die neben Beteiligten auch auf Gerhard Schröder verwiesen“.

So bitter die Rückschau klingt, so wenig verhindert sie eine Versöhnung Becks mit seiner neu aufgestellten Partei. Wenn es der SPD und dem Zusammenhalt der Gesellschaft nütze, wolle er sich nicht lange mit dem Geschehen aufhalten, schreibt er: „Zu diesem Zweck hatte ich das Amt übernommen, wenn der Rücktritt demselben Zweck dient, bin ich mit mir selbst jedenfalls im Reinen.“ So viel Großmut dürfte es dann auch den Delegierten des SPD-Parteitags am 18. Oktober leicht machen, Beck zu feiern. Erleben will dieser die Wahl Münterferings aber nicht: Er fährt lieber in Urlaub.

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