SPD im Wahlkampf : Blaumann statt Steinmeier

Die Sozialdemokraten wollen die Union zu einem programmatischen Wahlkampf zwingen. Statt auf Köpfe setzt sie daher in der ersten Phase ganz auf Inhalte.

Christoph Seils
Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier -Foto: dpa

BerlinSechseinhalb Wochen sind es noch bis zum 27. September. Der Wahlkampf kommt langsam in Schwung. Als letzte Partei ist jetzt auch die SPD in die Plakatschlacht eingestiegen, die sich mittlerweile an den Laternenpfählen und auf den Grünflächen der Republik ausbreitet. "Unser Land kann mehr", heißt der zentrale Slogan der SPD, den Wahlkampfleiter Kajo Wasserhövel am Mittwoch in Berlin präsentierte.

Anders als die CDU plakatiert die SPD in der ersten Phase nicht ihre Minister und die anderen Mitglieder des Kompetenzteams und auch nicht ihren Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, der mit schwachen Popularitätswerten zu kämpfen hat. Stattdessen zeigt sie auf ihren Großflächenplakaten zunächst "normale" Menschen, unter anderem einen Zimmermann, einen Rentner und eine Studentin. Verbunden mit entsprechenden inhaltlichen Aussagen.

Es ist nicht zu übersehen, die Sozialdemokraten wollen die Union zu einem programmatischen Wahlkampf zwingen. Statt über Personen wollen sie über Inhalte reden. "Keine klare Botschaft, kein klares Argument" hat Wasserhövel bei der Union im Wahlkampf bislang ausgemacht, nur den Versuch, den Wählern zu suggerieren, es gehe um nichts.

Für die SPD geht es in den nächsten Wochen hingegen um alles. Die Partei steht weiter mit dem Rücken zur Wand. Auch in dieser Woche ist in den Meinungsumfragen kein nachhaltiger Stimmungsumschwung erkennbar. Fast gebetsmühlenartig wiederholen sozialdemokratische Spitzenpolitiker dennoch das Credo, die Wahl sei noch nicht gelaufen. 60 Prozent der Wähler seien noch unentschieden, sagt auch Wasserhövel, und er glaubt, dass die "Spätentscheiderquote" in diesem Jahr noch höher sein wird als 2005.

Vor vier Jahren hatte die SPD die Union, die sich zusammen mit der FDP schon als Wahlsieger wähnte, in einem fulminanten Wahlkampfendspurt noch beinahe abgefangen. Und trotz bislang schlechter Unfragewerte geht die SPD weiterhin davon aus, dass jene Wähler, die 2005 SPD gewählt haben, im Prinzip auch in diesem Jahr noch für sie erreichbar sind. "Wir werden uns in eine Position reinkämpfen, in der Steinmeier den Auftrag zur Regierungsbildung bekommt", versicherte Wasserhövel. Doch der Wahlkampfmanager weiß natürlich auch, dass die SPD "bergauf kämpfen" muss, will sie ihr Ziel noch erreichen.

Und der Berg ist steil. In Umfragen liegt die Union derzeit – je nach Institut – 11 bis 17 Prozentpunkte vor der SPD. Zudem ist Kanzlerin Angela Merkel deutlich beliebter als der Herausforderer. Das gewaltige Mobilisierungsproblem, das sich der SPD schon im Europawahlkampf offenbart hatte, scheint noch nicht überwunden.

Trotzdem verbreiten sozialdemokratische Wahlkampfstrategen weiter Optimismus. Ansprechbar sind aus ihrer Sicht vor allem solche Wähler, die zwar von der SPD-Politik in der Großen Koalition enttäuscht sind, aber sich noch nicht entschieden haben, eine andere Partei zu wählen. Die sollen nun mit sozialdemokratischen Werten mobilisiert werden und mit dem Schreckgespenst einer schwarz-gelben Regierung.

Kein Wunder also, dass die SPD auf Inhalte setzt und nicht auf Köpfe, wie die Union es tut. Kein Wunder, dass die SPD versucht, die Union und Kanzlerin Merkel mit dem Vorwurf zu konfrontieren, sie wichen der Auseinandersetzung über programmatische Konzepte aus und versuchten die Wähler „einzulullen“.

Und während Merkel und ihre Minister auf den CDU-Plakaten bereits bundesweit präsent sind, hat sich die SPD für eine ganz andere Kommunikationsstrategie entschieden. Sie setzt auf eine eher traditionell sozialdemokratische Anmutung, auf solides Wahlkampf-Handwerk und traditionelle Botschaften. „Und deshalb wähl ich SPD“ heißt es auf den Großplakaten, die ab sofort bundesweit geklebt werden. Dazu gibt es jeweils einen kurz Satz aus dem Munde von SPD-Anhängern zu den vier zentralen Wahlkampfthemen Bildung, Umwelt, Gesundheit und Arbeit.

Vor allem das Thema Arbeit stellt die SPD in den Vordergrund. "Stark dominant" sei das Thema bei den unentschiedenen Wählern, sagt Wasserhövel. Deshalb hat Steinmeier seinen Deutschlandplan präsentiert und bis zum Jahr 2020 die Schaffung von vier Millionen Arbeitsplätzen versprochen. Und deshalb darf ein Hamburger Zimmermann auf einem Plakat im Blaumann hinter einer Standbohrmaschine stehen und verkünden: "Die SPD kämpft für Arbeitsplätze. Für meinen und auch für ihren".

Die erste Wahlkampf-Welle hat die SPD bis Ende August terminiert. In der zweiten Welle soll es dann allerdings auch Großplakate mit dem Konterfei Steinmeiers geben mit der Botschaft "Deutschland hat eine Perspektive". Verstecken will die SPD ihren Kanzlerkandidaten keineswegs. Im Gegenteil: Ab dieser Woche ist er wieder auf Wahlkampftour, bis zum 27. September wird er an mindestens 100 Veranstaltungen teilnehmen und auf insgesamt 75 Großkundgebungen sprechen. Er wird damit deutlich häufiger auf den Plätzen der Republik unterwegs sein als die Kanzlerin. Die plant nur 60 Großveranstaltungen. Aber sie ist ja schon Kanzlerin. Er will erst noch Kanzler werden.
 

Quelle: ZEIT ONLINE

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