SPD in Hessen : Ypsilantis Erbe

Hessens SPD wählt Thorsten Schäfer-Gümbel zum Spitzenkandidaten – und spendet Andrea Ypsilanti Trost-Applaus. Nur SPD-Chef Franz Müntefering straft sie mit Missachtung.

Stephan Haselberger[Alsfeld]
SPD
Jetzt auch offiziell: Thorsten Schäfer-Gümbel ist Spitzenkandidat in Hessen, hier mit SPD-Chef Franz Müntefering (r.). -Foto: dpaSPD

Für Franz Müntefering spielt sie schon keine Rolle mehr. Samstagmorgen, kurz vor elf: Gerade hat Andrea Ypsilanti vor dem Landesparteitag in Alsfeld – es ist der vierte der Hessen-SPD in diesem Jahr – ihre Rede beendet. Die Delegierten unten im Saal und die Mitglieder der Führungsriege oben auf dem Parteitagspodium erheben sich geschlossen von ihren Sitzen. Sie beklatschen eine Landesvorsitzende, die mit ihrem Plan vom Machtwechsel in Wiesbaden brutal gescheitert ist, aber dennoch nicht zurücktreten will, wenigstens noch nicht. Nur einer behält Platz: Franz Müntefering.

Dabei ist es gar nicht so, dass Ypsilanti an diesem Morgen in der Alsfelder Hessenhalle der rauschhafte Beifall früherer Tage zuteil wird, als die Sozialdemokraten zwischen Kassel und Darmstadt noch fest daran glaubten, von Hessen werde der „Politikwechsel“ für ganz Deutschland ausgehen. Es handelt sich eher um ausdauernden Trost-Applaus. Aber auch daran mag sich der SPD-Chef aus Berlin nicht beteiligen. Nur zögerlich führt er die Handflächen zusammen, um dann schnell wieder zum Stift zu greifen, mit dem er irgendwelche Korrekturen an seinem Redemanuskript vornimmt. Klarer kann man Missachtung kaum ausdrücken.

Für die Hessen-SPD ist Ypsilanti noch nicht Geschichte, obwohl sie an diesem Samstag den 39-jährigen Thorsten Schäfer-Gümbel mit einem Ergebnis von 97 Prozent zum Spitzenkandidaten für die Neuwahlen am 18. Januar kürt. Die Partei und ihre Vorsitzende befinden sich noch mitten in der Trennungsphase. Und so ist Ypsilantis 30-minütige Ansprache an die Parteibasis nicht nur Rechtfertigungsversuch für ein gescheitertes Politexperiment, sondern auch eine Abschiedsrede. Wobei sich dieser Abschied auf Raten vollziehen muss und erst nach der Wahl abgeschlossen werden kann, damit die Partei im Wahlkampf einigermaßen geschlossen bleibt.

Ypsilanti jedenfalls nimmt für sich in Anspruch, ihrer Verantwortung gerade dadurch gerecht zu werden, dass sie der Partei den Landesvorsitz eben nicht „vor die Füße wirft“ auf dem „schwersten Parteitag in der Geschichte der hessischen SPD“. Sie könne es sich auch leicht machen und alle Schuld auf sich nehmen, ruft sie in den Saal. Aber sie sehe sich in der Pflicht, für den „Politikwechsel“ zu kämpfen. Am Ende ihrer Rede aber stellt sie ihren Rückzug von der Parteispitze in Aussicht: „Ich übernehme die Verantwortung für das Ganze, auch für den Wahlausgang 2009.“

Nicht alle in der Alsfelder Parteitagshalle lassen sich von Ypsilantis Verständnis von Verantwortung beeindrucken oder gar überzeugen. Die Darmstädter SPD schickt für den Landeslistenplatz zwei eine eigene Kandidatin gegen Ypsilanti ins Rennen. Die hält zwar eher eine Bütten- als eine Bewerbungsrede, erhält aber fast 40 Stimmen. Ypsilanti kommt auf 277 Stimmen. Das entspricht 82 Prozent. Sie wirkt schwer angeschlagen, als das Wahlergebnis bekannt gegeben wird.

Thorsten Schäfer-Gümbel geht nicht auf Distanz zu Ypsilanti, zumindest nicht auf diesem Parteitag. In seiner Bewerbungsrede bekennt er sich mehrfach zu ihrem politischen Erbe, dem links akzentuierten Programm, mit dem die Hessen-SPD vor gut einem Jahr in den Wahlkampf gezogen war. 80 Minuten dauert Schäfer-Gümbels Ansprache, stellenweise schleppt sich der Vortrag dahin, aber das Wohlwollen der Delegierten und das von SPD-Chef Müntefering ist ihm sicher. Als Hoffnungsträger ist der Mann mit der kleinen Brille für die Bundes-SPD und für die Landespartei ohne Alternative. Er weiß, dass er mit seiner Kandidatur nur gewinnen kann, selbst wenn Koch wieder Ministerpräsident werden sollte. Es sei ein Fehler gewesen, dass der Name des Kandidaten früher nicht in seinem Notizbüchlein gestanden habe, wird Müntefering später sagen. Vorher aber feiert der Parteitag Schäfer-Gümbel und dessen Rede. Wieder stehen alle auf. Diesmal auch Franz Müntefering.

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