SPD-Kanzlerkandidatenfrage : Wie Helmut Schmidt für Peer Steinbrück wirbt

"Er kann es". Altkanzler Helmut Schmidt macht sich für den früheren Finanzminister Peer Steinbrück als nächsten SPD-Kanzlerkandidaten stark. Das ärgert etliche Genossen.

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Empfehlung. Altbundeskanzler Schmidt hält den früheren Finanzminister Steinbrück für den richtigen SPD-Kanzlerkandidaten.
Empfehlung. Altbundeskanzler Schmidt hält den früheren Finanzminister Steinbrück für den richtigen SPD-Kanzlerkandidaten.Foto: Joulux

Weinroter Teppich, hellbraune Sessel und darüber eine von meterhohen Stahlstreben gehaltene Kuppel: Das TV-Studio von Günther Jauch im Schöneberger Gasometer gibt an diesem Sonntagabend eine schöne Kulisse ab für einen, der mächtig Eindruck machen will. Peer Steinbrück ist gekommen, einst Finanzminister, heute SPD-Bundestagsabgeordneter mit Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur der SPD. Ziemlich unverstellten Ambitionen, wie man spätestens seit diesem Wochenende weiß.

Steinbrück ist nicht allein. Er hat den beliebtesten Elder Statesman der Republik in Jauchs imposantes Studio mitgebracht: den Weltökonomen und Krisenmanager a.D.Helmut Schmidt. Als Schmidt noch Kanzler war, diente ihm Steinbrück als Referent. Heute dient Schmidt Steinbrück als Fürsprecher im Kampf um die Kanzlerkandidatur.

In einem gemeinsamen Gesprächsband, den die beiden Schachfreunde diese Woche unter dem Titel „Zug um Zug“ veröffentlichen, gibt der Altkanzler eine umfangreiche Empfehlung für Steinbrück ab. Und im neuen „Spiegel“ lobt der 92-Jährige, Steinbrück habe als Finanzminister der großen Koalition bewiesen: „Er kann es.“

Dass Steinbrück noch nie eine Wahl gewonnen hat, fällt für Schmidt nicht weiter ins Gewicht. „Ich hatte auch keine Wahl gewonnen, als ich 1974 das Amt des Bundeskanzlers von Willy Brandt übernahm.“ Auch die Kluft zwischen dem Agenda-2010-Verfechter Steinbrück und einer nach links strebenden SPD stelle keinen Hinderungsgrund dar. „Die Wahlen werden nicht etwa am linken Flügel gewonnen, sondern alle Wahlen werden gewonnen – ob durch die CDU/CSU oder durch die Sozialdemokraten oder durch wen auch immer – in der Mitte und nicht auf den Flügeln.“

Ab durch die Mitte – das ist Steinbrücks Strategie. Je höher seine Popularitätswerte klettern, desto schwieriger wird es für den linken SPD- Flügel, ihm die Unterstützung zu verweigern. Die Partei-Linke nimmt Steinbrücks Schaulaufen jedenfalls ernst. So ernst, dass der Juso-Vorsitzende Sascha Vogt bei einem Besuch im palästinesischen Ramallah am Sonntag erbost zum Telefon greift. „Ich verstehe nicht, was dieser Ego-Trip zu diesem Zeitpunkt soll“, schimpft er. „Kanzlerkandidaten werden nicht von Altkanzlern ausgerufen, sondern von der Partei bestimmt.“ SPD-Chef Sigmar Gabriel habe zu Recht erklärt, dass frühestens Ende 2012 über die Kandidatur entschieden werde.

Ähnlich äußert sich Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner. „Kanzlerkandidaten werden bei uns nicht ausgerufen, auch nicht von noch so verdienstvollen Politikern“, sagt er. Wenn die SPD klug sei, entscheide sie erst in einem Jahr über die K-Frage. Auch von einer Konzentration auf Wähler der Mitte hält Stegner wenig. „Für uns kommt es darauf an, die Stammwähler zu mobilisieren und Nichtwähler zurückzugewinnen, die von uns weggegangen sind. Das ist Erfolg versprechender, als der CDU Wähler abwerben zu wollen.“ Wenn die SPD im Bund gewinnen wolle, müsse ihr Kandidat „die Partei mit der gesamten Breite ihres Profils“ vertreten können. „Das ist eine der Voraussetzungen.“

Unter der Kuppel im Schöneberger Gasometer verläuft die Vorstellung am Sonntagabend zunächst ein wenig zäh. Schmidt sitzt zwischen Jauch und Steinbrück in seinem Rollstuhl, es geht um die europäische Schuldenkrise und irgendwann - Schmidt hat inzwischen diverse Zigaretten geraucht - auch um die Kanzlerkandidatur. Schmidt sagt, er halte Steinbrück deshalb für geeignet, weil er einer von denen sei, die „wirklich wissen, worüber sie reden“, wenn es um die Banken- und Währungskrise in Europa gehe. Steinbrück selbst weicht aus. Die K-Frage stelle sich gegenwärtig nicht, die SPD habe kein Interesse, sich zwei Jahre vor der Wahl mit der Kanzlerkandidatur zu beschäftigen. Warum Steinbrück dann ein Buch veröffentlicht, in dem er sich von Helmut Schmidt in den höchsten Tönen als Kandidat preisen lässt, – diese Frage stellt Günther Jauch am Sonntagabend nicht.

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