SPD-Parteitag : Die Kandidaten in Becks Schatten

Auf dem SPD-Parteitag in Hamburg wird am Freitag die Führungsspitze der Sozialdemokraten neu gewählt. Nach dem Vorschlag des Vorstandes gibt es für die Ämter des Vorsitzenden, seiner Stellvertreter sowie des Generalsekretärs und der Schatzmeisterin keine Gegenkandidaten. Die Kurzporträts der Kandidaten:

Joachim Schucht,Karl-Heinz Reith[dpa]

HamburgKurt Beck:

Das Bild des gemütlichen Dicken aus der Provinz hatte sich schon ziemlich festgesetzt. Ungeschickte Auftritte des SPD-Chefs in Berlin und im Ausland sowie gelegentliche Poltereien lösten Häme und Spott in Serie aus. Anhaltend miese SPD-Umfragewerte verstärkten auch bei vielen Genossen die Zweifel an seinen Führungsqualitäten.

Doch Kurt Beck hat in den vergangenen Wochen bewiesen, dass man auch solche Tiefpunkte überstehen kann. Den Machtkampf mit Vizekanzler und Arbeitsminister Franz Müntefering hat der 58-Jährige mit erstaunlicher Kaltschnäuzigkeit bis auf weiteres für sich entschieden und mögliche Rivalen in den Schatten gestellt. Punktgenau zum Parteitag kann sich Beck wieder als unbestrittene Nummer eins der SPD präsentieren. Über eine glanzvolle Bestätigung im Amt braucht sich der seit 13 Jahren amtierende Mainzer Regierungschef keine Sorgen zu machen. Die Wetten stehen darauf, dass er sein Erstwahl- Ergebnis von 2006 - 95,07 Prozent - sogar noch verbessern wird.

An ein solches Ergebnis dürfte das von Beck ausgewählte künftige Stellvertreter-Trio kaum herankommen. Mit Spannung wird erwartet, wie sich die politisch und persönlich recht unterschiedliche Riege zusammenraufen wird:

Frank-Walter Steinmeier:
Die rasante Beförderung vom einfachen Mitglied zum Partei-Vize ist auch in der turbulenten SPD-Historie bemerkenswert. Seine hohen Sympathiewerte hat der derzeit populärste Sozialdemokrat vor allem seinem Amt als Außenminister zu verdanken. Doch zunehmend weniger gönnt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dem langjährigen engsten Vertrauten Gerhard Schröders das Terrain für die Profilierung. In der Parteiarbeit hat der 51-Jährige Tischlersohn aus Detmold nach Einschätzung vieler noch nicht richtig Tritt gefasst.

Seine Rolle als Reservekandidat für den Fall, dass Kurt Beck bei der Bundestagswahl 2009 nicht als Spitzenkandidat antreten sollte, hat in jüngster Zeit Kratzer abbekommen. Eine von Steinmeier mit herausgegebene Reform-Streitschrift trieb SPD-Linke auf die Barrikaden. Etwas unglücklich agierte der Miterfinder der rot-grünen Reform-"Agenda 2010" beim Streit um das Arbeitslosengeld. Der halbherzige Versuch, zwischen Beck und Müntefering zu vermitteln, ging daneben. Der als klug, geradlinig und zuverlässig geltende parteipolitisch Spätberufene will sich nach seiner Wahl aber für die SPD ins Zeug legen. Besonders kümmern will er sich um Künstler und Kirchen - und wenn die Zeit reicht, auch um die Innenpolitik.

Andrea Nahles: Auf Umwegen kommt die SPD-Linke jetzt doch zum Ziel. Den Vize-Posten, den die 37-Jährige unter Beck einnehmen soll, hätte sie schon vor fast genau zwei Jahren haben können. Doch damals lehnte sie das Angebot noch ab, als Franz Müntefering im Streit um das von Nahles beanspruchte Amt der Generalsekretärin vom SPD-Vorsitz zurücktrat. Auch andere Offerten - etwa bei Peter Struck Stellvertreterin in der Fraktion oder Vize beim DGB zu werden, schlug die Germanistin aus.

Als Strippenzieherin hinter den Kulissen hat sich frühere Juso- Vorsitzende an diversen Schauplätzen bewährt. Beim Sturz von Rudolf Scharping als Parteichef in Mannheim 1995 und der Installierung von Oskar Lafontaine, der sie damals ein "Gottesgeschenk" nannte, spielte Nahles eine tragende Rolle. Auch Schröder machte sie das Leben schwer. Als "konzeptlos, perspektivlos, instinktlos" bezeichnete sie dessen Bemühungen, die Reform-"Agenda" zu retten. Eine "Kronzeugin für die andere Seite" nannte der damalige Kanzler seine Widersacherin.

Peer Steinbrück: Dass er bereits seit zwei Jahren als SPD-Vize amtiert, ist vielen Parteimitgliedern bis heute unbekannt. Von dieser Funktion hat Steinbrück bislang auch nicht viel Gebrauch gemacht. Die erneute Nominierung hat viel mit seinem derzeitigen Hauptberuf als Finanzminister zu tun. Würde der 60-Jährige aus der SPD-Spitze abberufen, dürfte sein Renommee im Kabinett leiden - und zugleich auch das Gewicht seines Landesverbandes Nordrhein-Westfalen.

Wohl keine Illusionen macht sich der frühere nordrhein- westfälische Ministerpräsident darüber, dass er in der SPD weithin wenig beliebt ist. Sein loses Mundwerk, etwa wenn er die eigenen Reihen als "Heulsusen" oder als "pathologisch" tituliert, sowie seine mitunter ätzende Ironie und ein gelegentlicher Hang zur Überheblichkeit kommen meist schlecht an. Mit unerschrockener Standhaftigkeit hat er sich auch schon die offene Feindschaft des neuen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zugezogen. Seinen Überzeugungen treu blieb Steinbrück, als er sich im Parteivorstand am vergangenen Montag beim Arbeitslosengeld-Votum enthielt und bei der Bahnreform gegen die neue SPD-Linie stimmte.

Hubertus Heil:  Der 34-jährige SPD-Generalsekretär ist immer noch im Juso-Alter. Schon früh hat Heil die Politik als Beruf entdeckt. Mit 16 trat er der SPD bei. Mit 26 kam er zum ersten Mal in den Bundestag und baute mit anderen Jüngeren die Gruppe der undogmatischen, eher karrierebeflissenen SPD-Netzwerker in der Fraktion auf. Im November 2005 wurde er auf Vorschlag des damaligen SPD-Chefs Matthias Platzeck zum Generalsekretär gewählt - mit dem vergleichweise schlechten Ergebnis von 61,7 Prozent.

Damals nahmen Heil nicht wenige übel, dass er zu den Mitorganisatoren der Kampfkandidatur von Andrea Nahles gegen Kajo Wasserhövel um den Generalsekretärsposten gehört hatte - was den Rückzug von Franz Müntefering vom Parteivorsitz auslöste. Der Politologe aus Niedersachsen zählte zu den Bewunderern Schröders und zu den engagierten Verfechtern der "Agenda 2010". Heute muss Heil die Schmerzen lindern, die die "Agenda"-Politik in der Partei hinterlassen hat: "So notwendig wie diese Reformen waren, ich möchte nicht noch einmal 100 000 Mitglieder verlieren." Heil forciert auch die Wiederannäherung der SPD an Betriebsräte und Gewerkschafter.

Barbara Hendricks:  "Ich bin von ganzem Herzen Niederrheinerin", bekennt die designierte SPD-Schatzmeisterin. Doch die promovierte 55- jährige Geschichts- und Sozialwissenschaftlerin, die die 71 Jahre alte Kassenwartin Inge Wettig-Danielmeier ablösen soll, hat in ihren Funktionen bisher stets das große Ganze der Republik im Blickfeld gehabt - auch wenn sie der Kommunalpolitik verbunden blieb.

Als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium betreut Hendricks seit 1998 den Arbeitsschwerpunkt Steuerpolitik. Der SPD war sie als 20-jährige Studentin beigetreten - zum Höhepunkt der Auseinandersetzungen um die Ostpolitik Willy Brandts. Referentin in der SPD-Pressestelle im Bundestag, Sprecherin des damaligen nordrhein-westfälischen SPD-Finanzministers Diether Posser, Ministerialrätin im Düsseldorfer Umweltministerium, zuständig für "grenzüberschreitende Planungen" - das waren Hendricks berufliche Stationen. Seit 1994 ist sie Bundestagsabgeordnete. Das Hüten einer Parteikasse ist ihr vertraut: Zwischen 1996 und 2001 hatte sie als Schatzmeisterin des NRW-Landesverbandes die finanziellen Folgen mitauszubügeln, die Amtsvorgänger zehn Jahre zuvor durch eine allzu großzügige Wahlkampfführung angerichtet hatten.

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